Ein Meisterstück der Mannschaftsführung hat Jogi Löw beim vergangenen Confed Cup in Russland mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft abgeliefert. Von vielen Fußballexperten anfangs belächelt, hat das junge „Perspektivteam“ am Ende in beeindruckender Manier – ohne Niederlage – erstmals in der Geschichte des DFB sogar das Turnier gewonnen. Ganz behutsam hat Jogi Löw an den entscheidenden Stellschrauben gedreht und deutlich gemacht, wie wichtig eine starke Führung für den Erfolg einer Mannschaft ist. Auch für die erfolgreiche Entwicklung einer modernen Unternehmenskultur können Führungskräfte in Wirtschaft und Verbänden noch einiges vom Bundestrainer lernen: „Von Jogi Löw lernen, heißt siegen lernen!“

Erfolg durch Weiterentwicklung
Dabei ging es dem Bundestrainer zunächst einmal nur darum, dass sich seine jungen Perspektivspieler auf höchstem Niveau messen konnten. „Ich glaube, dass es bei einem Weltmeister irgendwann Veränderungen geben muss, um die Mannschaft weiterzuentwickeln“, begründete Jogi Löw diesen ungewöhnlichen Schritt und gab den „Spielern in der zweiten Reihe“ die Möglichkeit, sich gegen die Weltklasse auszuzeichnen. Nicht ohne Hintergedanken – denn die Spieler, die sich beim Confed Cup mit besonderen Leistungen in den Vordergrund gespielt haben, sollen Löw im nächsten Jahr im Zusammenspiel mit den altbewährten Kräften helfen, das große Ziel „Titelverteidigung Weltmeisterschaft“ zu erreichen. Löw hat seinen Perspektivspielern mit der Teilnahme beim Confed Cup ganz bewusst die Möglichkeit gegeben, sich auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln.

Blick über den Tellerrand
Wie wichtig diese ständige persönliche Weiterentwicklung für den Erfolg ist, lebt Löw auch selber vor und gibt diese Einstellung an seine Spieler weiter. Er sagt über sich: „Ich habe mich als Führungsperson weiterentwickelt. Es spornt mich an, Entwicklungen vorauszusehen, mich umzuschauen, was im Fußball passiert. Der Blick in die verschiedenen Länder, in die verschiedenen Arten der Fußballkultur, hat mir enorm in meiner Weiterentwicklung geholfen.“ Dabei blickt er dann auch ganz bewusst über den Tellerrand, schaut sich auch einmal bei anderen Sportarten um und nimmt Kontakt zu anderen Trainern auf. Besonders beeindruckt war Löw bei seinen Beobachtungen von der Entwicklung des Confed Cup-Finalgegners Chile in den vergangenen Jahren. „Die spielen sehr intelligent – und das systematisch.“ Die Aufgabe annehmen, sich selber reflektieren und dann zielorientiert an sich zu arbeiten, das sind die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Führung.

An seinen Zielen wachsen
Eine Erfahrung hat Jogi Löw in seiner persönlichen Entwicklung besonders geprägt: Die Besteigung des Kilimandscharo im Jahr 2003. Körperlich und geistig völlig am Limit wollte Löw kurz vor dem Gipfel umkehren. „Jeder Schritt tat so weh, dass ich das Gefühl hatte, es ist der letzte, den ich mache.“ Den Gipfel auf einmal direkt im Blick hatte er plötzlich das Gefühl, dass er den Rest joggen könne. „Diese Grenzerfahrung hat mir gezeigt, dass es immer weiter geht, dass man immer noch einen Schritt nach vorne machen kann, selbst wenn man glaubt, dass es nicht mehr geht. Und wenn man das Ziel sieht, egal wie schwer es zu erreichen ist, dann dreht man nicht um! Diese Erkenntnis hat mir in meinem Leben immer geholfen – auch bei Rückschlägen oder Enttäuschungen.“
Jogi Löw hat viel Häme und Kritik in seinem Leben als Bundestrainer einstecken müssen, wurde aufgefordert aufzugeben, zurückzutreten. Er hat es nicht getan! Er hat alles Negative ausgehalten, sein Ziel fest im Blick gehabt und ist daran gewachsen. Diese Stärke gibt Löw auch an seine Spieler weiter. Wenn es etwas gibt, das jeder Einzelne von Jogi Löw lernen kann, dann ist es der Glaube an sich selbst!

Emotionale Bindung erzeugt Motivation
Als Führungspersönlichkeit gibt Jogi Löw ganz klar die Vision „Titelverteidigung“ vor und formuliert das ehrgeizige und motivierende Ziel „Wir wollen Weltmeister werden!“. Mit der Einbindung der Perspektivspieler über den Confed Cup wird deutlich, dass der Bundestrainer einen genauen Schlachtplan hat, wie er die Mannschaft für die erfolgreiche Umsetzung dieses Ziels weiterentwickeln kann, und auch bereit ist, dafür ein Risiko einzugehen. Aber Jogi Löw gibt seine Ziele nicht einfach nur vor. Er nimmt seine Spieler auch mit auf den Weg, indem er sie direkt emotional anspricht und so eine hohe Motivation bei ihnen erzeugt. Mit einem genialen Satz schickte er seine Mannschaft in das WM-Finale 2014 gegen Argentinien: „Ihr müsst heute soviel geben wie noch nie, dann werdet ihr das erreichen, was ihr noch nie hattet.“

„Mache Fehler, aber lerne aus ihnen!“
Immer offen für neue Ideen setzt Löw ganz bewusst neue Reize für die gesamte Mannschaft. Mit dem Erfolg beim Confed Cup ist Jogi Löw ein ganz besonderer Coup gelungen: Die Perspektivspieler werden schon früh an die hohen Anforderungen herangeführt, den arrivierten Spielern wird deutlich gemacht, dass sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen dürfen. Löw kennt die Stärken und Schwächen seiner Spieler ganz genau. Mit diesem Wissen im Hintergrund baut er die Spieler durch gezielte Reizsetzung auf und entwickelt die unterschiedlichen Fähigkeiten der Spieler für den Erfolg der gesamten Mannschaft. „Du darfst Fehler machen“, hat der Bundestrainer zu Julian Draxler gesagt. Und gerade diese Fehler sind wichtig für den Lernprozess jedes einzelnen Spielers. Die Botschaft ist eindeutig: „Mache Fehler, aber lerne aus ihnen!“ Nur Spieler, die lernen wollen, haben in der Nationalmannschaft eine Chance.Diese wichtige Fähigkeit einer Führungskraft lebt Jogi Löw seinen Spielern auch selber vor. Er ist nicht beratungsresistent, hört sich auch die Meinungen seiner Führungsspieler an und hat den Mut, Entscheidungen zu korrigieren.

Verlässlichkeit und Vertrauen
Die Basis für die hohe Lern- und Leistungsbereitschaft der Spieler bildet vor allem ein respektvolles, vertrauensvolles Miteinander im Team. Verlässlichkeit und Vertrauen sind die wesentlichen Faktoren, die eine optimale und effiziente Lern- und Leistungsatmosphäre für die Spieler innerhalb der Mannschaft erzeugen. Offene Kommunikation auf Augenhöhe, Entwicklung von Kritikfähigkeit, Transparenz und Toleranz sind dabei ganz wichtige Steuerelemente im Rahmen der starken Mannschaftsführung.
Insbesondere durch seine intensive Kommunikation und seine transparenten Vorgaben schafft Jogi Löw das notwendige Vertrauen. Je nach Spielerpersönlichkeit kommuniziert er auf einer ganz persönlichen Ebene mit den einzelnen Spielern – mal emotional, mal rational. Er zeigt damit jedem einzelnen Spieler, wie einzigartig er ist. Legendär ist Jogi Löws Ansprache an den WM-Siegtorschützen Mario Götze: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“ In vielen Unternehmenskulturen gibt es viel zu wenige „persönliche Ansprachen“. Es wird viel zu wenig erklärt, ein echter Informationsaustausch, der Transparenz für Mitarbeiter schafft, findet kaum statt. Die Mitarbeiter werden auf dem Weg zum Unternehmenserfolg selten mitgenommen.

Mannschaftserfolg steht im Mittelpunkt
Jogi Löw dagegen kann seine Mannschaft ganz gezielt formen, denn durch die Transparenz kennt jeder Spieler seine Rolle und tritt hinter dem Team zurück. Im Mittelpunkt der einzelnen Interessen steht der gemeinsame Mannschaftserfolg, für den sich jeder Spieler bedingungslos einsetzt. Das wissen auch die neuen (Perspektiv-)Spieler – wenn sie als Einzelner nicht zurücktreten, werden sie erst gar nicht mitgenommen oder aufgestellt. Das Ergebnis: Jeder einzelne Spieler setzt seine persönliche Leistungsfähigkeit mit voller Kraft für das gemeinsame Ziel „Titelverteidigung Weltmeisterschaft“ ein.
Von diesem Meisterstück der Mannschaftsführung können Unternehmen und Verbände noch viel lernen: „Von Jogi Löw lernen, heißt siegen lernen!“

Literaturverzeichnis:

http://www.berliner-zeitung.de/sport/confed-cup/talentsuche-der-confed-cup-ist-fuer-loew-eine-castingshow-27828894
http://www.dfb.de/die-mannschaft/sportliche-leitung/joachim-loew/biografie/
https://www.morgenpost.de/sport/fussball/article208350143/Joachim-Loew-Ich-war-koerperlich-und-geistig-am-Limit.html
https://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article166426292/Von-Jogi-lernen.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_L%F6w
http://www.zeit.de/2012/23/Fussball-Bundestrainer-Loew
„Lernen von unseren Weltmeistern. Erfolg richtig planen. Motivation, Strategie und mentale Stärke: 11 Regeln für Ihre Siege in Job und Alltag.“, Focus, Nr. 23/16 (4. Juni 2016)

Erstveröffentlicht unter: https://antje-heimsoeth.com/was-wir-von-jogi-loew-lernen-koennen/