Sind Bitcoins gut oder böse? Die Banken und einige IT-Konzerne versuchen gerade, Blockchain – die Technologie hinter Bitcoins – zum „next big thing“ zu machen. Da bietet es sich an, darüber nachzudenken, wie das passieren konnte.

Haben Sie Appetit auf eine Verschwörungstheorie? Hier ist eine. Gerade im jüngsten Zusammenhang mit WannaCry tauchte auch in der Öffentlichkeit wieder der Begriff von Bitcoins auf. Bitcoins sind vor einigen Jahren von ein paar pfiffigen Programmierern erfunden worden, um gegen ein von den Zentralbanken unabhängiges Zahlungsmittel zu schaffen. Die Basis für Bitcoins ist eine aufwendige und lange Kette von Blöcken mit Codes, Blockchains.

Ersatzwährungen oder Alternative-Coins – kurz Altcoins – gibt es schon lange. Als Notgeld, das von Städten in Krisensituationen ausgegeben, als Spaßwährung wie die Mark der BRN (Bunte Republik Neustadt, ein Bürgerfest in Dresden) oder als Spielgeld (erinnern Sie sich noch an Second Life und deren Linden-Dollars?). Das sind nur einige Beispiele. Alle diese Ersatzwährungen haben einen gewissen Haken. Sind werden schlussendlich wieder in die jeweilige Landeswährung eingetauscht. Damit sind sie nur Alternativen zu der Währung der jeweiligen Zentralbank. Das ist übrigens auch mit dem Euro so. Die einzige Institution, die wirklich über Geld verfügt, ist die EZB (Europäische Zentralbank), während alle anderen Institutionen Substitute dieses Geldes in Form von Euros untereinander austauschen.

Doch zurück zu den Bitcoins als Muster aktueller Altcoins bzw. Altcurrencies. Erfunden wurden sie, von den Zentralbanken unabhängig Geld ausgeben und mit diesem einen Zahlungsverkehr ausüben zu können. Das war eine technisch pfiffige und volkswirtschaftlich spannende Idee. Technisch pfiffig war die Idee, weil die Codierung einer Währungseinheit in Form einer Blockchain praktisch nicht zu knacken ist. Eine Basis für die Unabhängigkeit von Zentralbanken ist die Verlagerung der Zahlungsströme in nicht öffentliche Bereiche des Internets. Schließlich ist der Entzug der Zahlungen der Kontrolle der Zentralbanken ein wesentliches Motiv der Erfinder und ein Garant für den Erfolg solcher Altcurrencies oder Altcoins.  Ein weiterer Erfolgsbaustein ist Sicherheit. Der Code, der eine Einheit einer solchen Währung darstellt, ist derartig komplex, dass man mit dem Berechnen von Code-Bausteinen Geld verdienen kann.

Blockchains können auch für die Absicherung anderer Transaktionen als jene mit Geld genutzt werden. Damit wird es reizvoll über weitere Nutzungsarten von Blockchain nachzudenken. Hauptzweck sind derzeit aber alternative Währungen. Neben den Bitcoins haben sich inzwischen viele verschiedene Währungen entwickelt und es gibt – das ist wieder ganz konventionell – dann eben auch Börsen, die mit diese Währungen handeln. Meist gegen konventionelle Währung weil eben der Kaufmann doch lieber Bargeld annimmt.

Mit dem Erfolg dieser alternativen Währungen kamen selbstverständlich sofort einige Schurken auf die Idee, selbige für ihre schäbigen Zwecke zu nutzen. Über die Begrenzung der Geldmenge konnte der Missbrauch einigermaßen eingedämmt werden. Generell sind dem Missbrauch jedoch Tür und Tor geöffnet: Die Währung entzieht sich der Kontrolle von Staaten und Zentralbanken und der Transfer der Währung findet in Bereichen der IP-Adressen statt, bei denen allenfalls Geheimdienste wirklich einen Zugriff haben. Die Cowboys und Falken werden sich aber hüten, einer EZB die Details zu nennen. Es darf angenommen werden, dass diese solches Geld auch selbst gerne nutzen. Bitcoins oder eben Altcoins sind also auch Tatmittel, für richtig große Gauner und vielleicht für den einen oder anderen selbständigen Kleinkriminellen und Hacker.

Das ganze Thema Blockchain und Bitcoins hat also durchaus Potential. Betrachtet man diese heiße Sache aus der Sicht der Banken, so entsteht zunächst Angst. Schiere, kalte Angst um die Pfründe. Die erste und verständliche Reaktion ist der Ruf „Anarchie!“, getrieben von der Angst um zunächst den Verlust der eigenen Rolle und im zweiten Schritt um den Monopolverlust. Da könnte ja jeder kommen. In einem mehrere hundert Jahre dauernden Prozess haben es die Zentralbanken es gerade geschafft, die Macht über das Geld so zu konzentrieren, dass ohne ihre Hoheit und ohne die von ihnen bestallten Aufsichtsinstitutionen keine müde Mark (Was ist eigentlich aus dieser Redensart geworden? Heißt das jetzt „kein erschöpfter Euro“?) über den Tresen geht.

Angesichts dieser Entwicklung ist es einer vermutlich gar nicht so unbekannten Unternehmensberatung gelungen, einen komplett neuen Hype zu begründen. Dazu haben sie sicherlich in höchst vertraulichen Kamingesprächen zunächst einmal die Angst der Banken geschürt. Dann haben sie den Banken eingeredet, in Bitcoins eine Chance zu sehen. Stellt Euch mal vor, was Ihr künftig verdient, werden sie gesagt haben, wenn ihr die Handelsbanken abschaffen könntet: Dazu bräuchtet Ihr nur eigene Altcoins zu prägen und die Zahlungssysteme umzustellen. Instant Payment oder so ähnlich nennt Ihr das, nur Englisch muss es klingen. Dann könnt Ihr die Gebühren, die ein Einzelhändler heute für eine Transaktion an seine Hausbank bezahlt, selbst abholen. Dafür erfinden wir tolle Benefits wie Kostensenkung, Sicherheit (schließlich ist es für die Bank viel sicherer, virtuelles Geld auszugeben als aufwendig Papier mit im teureren Sicherheitsmerkmalen zu bedrucken), Transformation, Digital, sowas brauchen wir an Begriffen. Dann haben sie vermutlich überlegt, wie man das nennen kann: Wegfall der Mediatoren-Ebene durch Direct Payment und Instant Payment.

Mit diesem Hintergrund sind die cleveren Unternehmensberater zu einzelnen großen IT-Firmen gegangen und haben da zu den marktüblichen Höchstsätzen verraten, was „the next big thing“ sein könnte. Stellt Euch vor, haben sie wahrscheinlich zu den IT-Herstellern gesagt, die Banken machen demnächst eigene Bitcoins. Da werden sie unheimlich viel Rechenleistung brauchen, um die Codes zu berechnen. Wenn Ihr da jetzt rechtzeitig aufspringt, habt Ihr die Umsätze für Eure Enterprise-Systeme für die nächsten paar Jahre sicher. Natürlich müsst Ihr den Banken richtig Angst machen. Natürlich brauchen die Banken nicht nur die Algorithmen und die Hardware für die Berechnung der neuen digitalen Währung, sondern auch neue Sicherheitsmechanismen, all die Prozesse für die Behandlung und Verarbeitung der Daten und vieles mehr. Natürlich müssen wir auch noch ein bisschen auf den Gesetzgeber einwirken, damit der rechtliche Rahmen angepasst wird. Am besten, wir gründen einen Arbeitskreis und laden die Fintechs dazu ein, sich dort die Probleme selbst zurecht zu legen. Wir brauchen dann eigentlich nur noch die Hardware und ein Pfund Software reinzubringen. Weil wir zu den größten IT-Anbietern überhaupt gehören, ist das für uns so oder so eine sichere Bank (sic!).

Wäre das alles nötig? Nein. Die Welt würde ach dann weiter funktionieren, wenn die Zentralbanken und die Großbanken nicht auf Altcoins setzen würden. Selbstverständlich könnten sie Direct-Payment und Instant-Payment auch auf Euro-, Dollar- oder Rimnimbi-Basis entwickeln. Gleiches gilt für den Wegfall der Mediatoren-Ebene. Es ist nicht erforderlich, dafür eine wie auch immer genannte digitale Währung zu schaffen, die zum einen lediglich aus elektrischer Ladung besteht und zum anderen einen Rattenschwanz an Problemen und Schwachstellen mit sich bringt.

Trotzdem wird die Branche der Banken und Finanzdienstleister nun von den Unternehmensberatern und einzelnen IT-Technologie-Anbietern mit dem nächsten Hype bearbeitet: Blockchain! Bitcoins!! Ein Lehrstück für die Erfindung eines Hypes, der einzig und allein dazu dient, einen neuen Grund für den Verkauf von Rechentechnik (in diesem Fall für die Berechnung der Blockchains) –  getreu dem uralten Motto: Mit der elektronischen Datenverarbeitung lösen wir Probleme, die wir ohne sie gar nicht hätten. Der Grundmechanismus stammt aus dem Lehrbuch eines jeden Vertrieblers: Mit einem Horrorszenario Angst schaffen, die vom Kunden alleine nicht bewältigt werden kann, weshalb dann, ich will ja gar nichts verkaufen, aber es wird so kommen, doch ein Geschäft zustande kommt.

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Stanislaus Strodorodofjodoff
Stanislaus Strodorodofjodoff ist seit August 2016 als Gastautor bei Denkhandwerker tätig.Stanislaus, Jahrgang 1968, ist Fachjournalist und Technologie-Analyst; aktuell für ein renommiertes Analystenhaus tätig. Er hat IT von der Pike auf gelernt und – seit er 1983 seine erste E-Mail schrieb – wortwörtlich schon tausende Bits durch seine Finger rinnen lassen (ja, es sind wirklich Bits zu Anfassen gemeint, auch wenn Sie sich das gerade nicht vorstellen können). Virtuelle Bits hingegen flossen in mehr als 200 Veröffentlichungen, zwei Fachbüchern sowie weit über tausend Texten, die er für Auftraggeber und als Ghost Writer schrieb, aus seinen Tastaturen.