Heute mal eine Geschichte zum Thema Breitband-Internet. Nein, es geht nicht primär um die Telekom. Hier muss ich sogar schweren Herzens zugeben, dass die Deutsche Telekom mich in den letzten Wochen sogar extrem positiv beeindruckt hat. Ferner geht es in diesem Artikel nicht um das Bashing irgendwelcher Politiker, der Politik im Allgemeinen oder etablierter Anbieter. Auch berichte ich heute nicht über irgendeine tolle neue Studie von uns (obwohl wir gerade einige wirklich interessante erstellen), die neue Erkenntnisse über Digitalisierung hervorbringt.

Es geht aber um Deutschland als Entwicklungsland. Und warum die Schalmei rings um die Digitalisierung von allem und jedermann länger dauern wird, als wir es uns erlauben können. Warum wir in manchen Bereichen mehr Kontrolle und Reglementierung benötigen. Es geht um eine Art Schildbürgerstreich, also um die dämliche Handlung Einzelner, die das Wohl von vielen beeinträchtigt. Es geht hier um ein reales Erlebnis in einer Welt, in der ein schneller Zugang zum Internet in der Maslow‘schen Bedürfnispyramide ganz oben angesiedelt ist. Etwas, was täglich hundert oder tausendfach so oder so ähnlich passiert.

Die Ausgangslage

In einem stadtnahen Industriegebiet von Kassel, genauer gesagt in einem Unternehmenspark, ist die Versorgung mit Internet seit Jahren extrem schlecht. So erreichen teilweise Brieftauben ihre Empfänger im ca. 6 km entfernten Rathaus schneller als eine zur gleichen Zeit versendete E-Mail. Nun begab es sich, dass durch Förderung und weitere Gründe eine Glasfaserleitung verlegt wurde. Diese Leitung wurde ca. 3 Meter von der Grundstücksgrenze verlegt.

Die Idee

Jetzt könnte man ja die Leitung auf das Grundstück abzweigen. Die betroffenen Mietparteien wären im Breitbandwunderland. Die Investitionen hätten sich gelohnt. Alles prima. Vermieter wäre dabei, Mieter auch.

Das Problem

Die Gebäude des Unternehmensparks werden über einen anderen Verteiler versorgt. Hä? Ja, okay in anderen Worten: Der Unternehmenspark, respektive das betroffene Gebäude, wird von einem Verteiler versorgt, der ca. 700 Meter vom Grundstück entfernt ist. Und das auf der Rückseite des Grundstücks verlegte Kabel versorgt einen anderen Bereich; ist an einen anderen Verteiler angebunden. Deshalb: „Geht nicht.“ Was eigentlich wirklich bedeutet: „Wollen wir nicht!“

Die vermeintliche Lösung

Zur Lösung wurde ein Termin mit einem Vertriebsrepräsentanten eines – nennen wir ihn mal – lokalen Anbieters vereinbart. Nachfolgend das Gedächtnisprotokoll mit den zentralen Aussagen des Verkäufers, der sich selbst als qualifiziert beschreibt, weil er schon im Jahr 2001 irgendwo Telefonanschlüsse verkaufte. Also die Aussagen desjenigen, der von einem Anbieter als befähigt angesehen wird, mit (potenziellen) Geschäftskunden des Unternehmens zu sprechen:

Ja. Wir bauen da mal eine Antenne – dahinten an den Schornstein. Und hier bei Ihnen dann einen Empfänger. Richtfunk; verstehen Sie. Verstehen Sie doch – RICHT-F-U-N-K. Da können Sie dann theoretische 8 Quadrillionen blablabla-technisches-kauderwelsch-blabla empfangen. Nur ich sag Ihnen: Das können Sie gar nicht bezahlen. Sie können das nicht bezahlen; können Sie einfach nicht. Aber wir könnten es Ihnen liefern. Aber, wie gesagt, dass könnten Sie niemals bezahlen. Aber wenn Sie könnten, könnten Sie können. Verstehen Sie: Richtfunk! Antenne! Mast! Bauen wir! Für SIE! Kostet aber. Und da habe ich den Aufbau noch gar nicht eingerechnet.

Und damit Sie mir auch glauben, habe ich einen Fachmann mitgebracht. Der ist von unserer neuen Tochterfirma. Also wir machen das Kabel und die den Funk. Gehören aber jetzt zu uns. Alles eins; quasi. Deswegen können wir Ihnen jetzt auch Sachen liefern, die Sie nicht wollen, brauchen und bezahlen können. Aber wir können es Ihnen liefern. Und jetzt seien Sie doch bitte nicht so kleinkariert, dass wir Ihnen die Bandbreite, die Sie brauchen, wollen und bezahlen können, nicht liefern können und wollen. Weil wir können Ihnen ja was anderes liefern und haben jetzt eine Tochterfirma, die die Lösung für das Problem hat, dass Sie haben, weil wir das, was Sie wollen, nicht liefern können und/oder wollen. Guter Mann: Verstehen Sie doch, das ist Realität. Das ist Richtfunk. Und wenn ich Ihnen jetzt noch sagen würde, was die dahinten bezahlen, die haben zwar keinen Richtfunk, sondern Kabel. Dann sind Sie mit der Lösung für das Problem, das Sie haben, weil wir was anderes nicht liefern können, noch richtig günstig dabei. Ich darf es Ihnen aber nicht sagen. Ach, ich sag es Ihnen: Die dahinten, Sie wissen schon, DIE, die das und das machen, DIE zahlen übrigens 3 Geld fünfzig. Haben aber auch Kabel.

Übrigens: Alle Anbieter erzählen Ihnen was, was nicht stimmt. Die überbuchen Netze. Die sagen Ihnen nicht die Wahrheit, so wie ich. Weil wir können, die anderen nicht.

Nee. Kabelabzweigung bringt nichts. Ich rechne da nochmal. Aber das bringt nichts. Sage ich Ihnen jetzt schon. Außerdem habe ich jetzt einen Experten für Richtfunk dabei. Von unserer Tochterfirma. Wir haben jetzt eine Tochterfirma für Richtfunk. Aber … ich biete Ihnen das jetzt nicht deswegen an, auch wenn der Experte dabei ist. Aber er ist jetzt nun mal hier, der Experte. Und deswegen ist das auch gut!

Also ich fasse nochmal zusammen: Der Vermieter zahlt den Aufbau der Antenne, die Mieter die Empfangsstation. Ferner noch ein Vertrag über 36 Monate. Und verschenken kann ich da dann auch nichts. Sie müssen dann schon richtig bezahlen. Und da verhandele ich auch nicht. Da mache ich Ihnen nur ein Angebot. Ich habe ja so viel zu tun; so viele Anfragen. Und morgen habe ich Urlaub. Ich verkaufe ja ein rares Gut.

Übrigens: Telefonie geht nicht. Nur Internet. IP-Telefonie über Anlagen geht grundsätzlich nicht; das funktioniert nie so. Immer Probleme. Aber Sie können dann können und wollen dann auch können können und wollen das, was sie dann können und wollen auch nicht mehr missen wollen. Verstehen Sie: Sie können dann können wollen. Breitband. Schnell. Telefon nicht.

 

Die Tragik

Auch wenn das Gedächtnisprotokoll sicherlich etwas überspitzt das Gespräch wiedergibt, ist die Tragik groß: Es werden sich nämlich sicherlich einige der Betroffenen Gewerbetreibenden auf das Angebot einlassen. Sie kaufen überteuert etwas, das sie in der Form nicht brauchen. Warum? Weil sie eigentlich keine Alternative haben; bzw. weil sie die Wahl zwischen Pest und Cholera haben. Pest gleich kein bzw. sehr schlechtes Internet. Cholera gleich vom Carrier abgezogen werden.

Meine Meinung

Klar: Jeder versucht, Geschäfte in seine Richtung zu drehen, versucht den Handel – den Deal – für sich zu optimieren. Die Zukunft der eigenen Kinder, die durch die Provision für einige Tage gesichert ist, ist mehr Wert, als die Anforderungen eines Dritten. Soweit alles klar. Soweit nachvollziehbar. Macht jeder irgendwo.

Aber mit der Notlage Dritter sich einseitig parasitär zu bereichern, und das in einem Markt, in dem die Anzahl der leistungsfähigen Anbieter begrenzt ist, finde ich schon grenzwertig. Werden in diesem Zusammenhang Abhängigkeitsverhältnisse gezielt noch aufgebaut, Hürden für andere Marktteilnehmer errichtet, dann werden sicherlich Grenzen überschritten. Nochmals: Die Gründe hierfür kann ich verstehen. Aber dennoch könnte ich hierzu „pfui“ sagen. Aber selbst wenn ich „pfui“ sagen würde, würde dies nichts ändern.

Vielmehr kommt mir das Geschäftsgebaren aus einer anderen Branche bekannt vor und von weiten Teilen der Gesellschaft als nicht geduldet: Ein Bekannter von mir, dem enge Kontakte zu so etwas wie der Mafia nachgesagt werden, hat mir mal vor einigen Jahren erklärt, wie die in der Heimat (Italien) ihr Geld verdienen. Es kommt mir so vor, also für mich persönlich entsteht der Eindruck, dass es besagter Anbieter so ähnlich machen könnte – respektive seine Intention, ob gewollt oder ungewollt, so ist: Selbstgeschaffene Probleme lösen, Abhängigkeiten erzeugen, Wettbewerber vom Kunden fernhalten, Kundenbindung maximieren und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit so weit minimieren, dass es noch ausgehalten wird. (Disclaimer: Alle, die mich jetzt abmahnen wollen, bitte auf die Formulierung achten.)

Was mich hier am meisten ankotzt: Eine solche Situation. Nämlich:  Dass ein Vertreter eines Unternehmens, dessen einzige Daseinsberechtigung darin besteht, weil der Staat, die Bundesländer und Kommunen Steuergelder in Infrastrukturprojekte stecken, Infrastrukturen subventionieren und, wenn auch zu langsam, erst ermöglichen, weil ein anderes Unternehmen, an dem der Staat noch einen signifikanten Anteil hält – eine relevante Beteiligung –, nicht in der Lage oder Willens ist, eine Infrastruktur aufzubauen oder die den Bedarfen und Bedürfnissen entsprechenden Angebote zu unterbreiten. Wenn ein Vertriebsbeauftragter eines solchen Unternehmens, der, wenn es nach Darwin gehen würde, mit der Einführung der Flatrate hätte aussterben müssen, sagt, dass man eh keine andere Wahl habe, ja dann, dann …?! Dann ist es wie mit dem Nichtschwimmer, der im Badesee ertrinkt: Nämlich nicht tragisch, sondern konsequent, wenn man kotzt.

Schweigen ist feige

Ja, der Ausbau und die Verfügbarkeit von relevanten Internetkapazitäten und Breitbandanschlüssen – respektive Glasfaser – geht voran. Es wird viel investiert. Und dieses Geld will verdient werden. Aus bzw. von der Privatwirtschaft, vom Staat. Jeder verspricht sich was davon. Jeder will seinen Schnitt bzw. seinen Deal machen. Alles klar, alles. Verstanden!

Aber es kann nicht angehen, dass Unternehmen, die direkt oder indirekt vom Staat finanziert oder subventioniert werden, die durch staatliche Aufträge erst in die Lage versetzt werden, ihre Leistungen zu erbringen, ihre Kunden – respektive potenzielle Kunden – durch deren Zwangslage über den Tisch ziehen. Und so sehr ich Reglementierungen, Einschränkungen, staatliche Bevormundung im Stile einer rot-grünen Gutmenschart verabscheue: Hier muss was passieren.

 

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Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.