Für die Dinge des alltäglichen Lebens befinden wir uns in einer freien Marktwirtschaft, aber in drei Bereichen trifft dies nicht zu. Ich rede hier von IT-Technik für den persönlichen Gebrauch, Kultur im Indie-Bereich und Dingen, die die Welt nicht braucht, aber ich vielleicht. Was haben diese Produktmärkte gemeinsam? Hier treffen oft sehr spezielle und individuellen Wünsche auf ein eingeschränktes Angebot, das sich nicht auf die Nachfrage einstellt. Anders ausgedrückt, der Marktmechanismus funktioniert hier nicht.

Hollywood-Blockbuster sind sicher kurzweilig, aber vielleicht ist uns nicht nach einer oberflächlichen Story vollgepackt mit Clichés, einer Gut-Böse Einteilung der Welt und konstanter Action. Wir mögen vielleicht den cineastischen gesellschaftskritischen Film, bei dem andere nach 5 Minuten bereits eingeschlafen sind. Oder aber finden wir die spiegelnden Displays der ansonsten optisch sehr ansprechenden MacBooks draußen in der Sonne nicht so praktisch. Wir kaufen uns ein Notebook zum Arbeiten, sehr geehrter Herr Tim Cook, nicht um unser überaus attraktives Antlitz im Spiegelbild anzustarren. Fast könnte ich verzweifeln, die freie Marktwirtschaft bietet mir als Konsumenten manchmal nur Schrott an und anscheinend bin ich nicht der einzige, der so denkt. Freier Markt, wo bist Du?

Das Fazit: Die schöne neue Welt des freien Marktes ist gar nicht so frei, wie manch ein Politiker oder Wirtschaftswissenschaftler vorgibt. Wie können sich denn Angebot und Nachfrage treffen, wenn Nachfrage nicht das passende Angebot findet und Angebot, nicht weiß, was die Nachfrageseite wirklich will. Woher soll sie auch, fragt uns denn jemand? Nein, wir können im Laden zwar zwischen verschiedenen Herstellern und Produkten auswählen. Das garantiert aber noch lange nicht, dass auch tatsächlich ein Produkt dabei ist, was unseren Wünschen entspricht. Oftmals müssen wir Kompromisse machen, zwischen einem nicht zufriedenstellenden Produkt oder Nichtkaufen. In der Fachsprache heißt dies: frustrierte Nachfrage. Der Wunsch ist weiterhin da, das Bedürfnis nicht befriedigt, diese können nicht erfüllt werden. Wenn im Kino wieder mal nur Hollywood-Schinken laufen, sind wir selbstverständlich nicht verpflichtet sie anzusehen, wenn es uns nicht gefällt. Wir können auch woanders hingehen auf ein Konzert, in einen Club, mit Freunden in eine Bar oder einfach den Abend zuhause auf der bequemen Couch verbringen. Nur haben wir dann immer noch keinen guten Kino-Film gesehen, was wir ursprünglich nachgefragt hatten.

Unsere freie Marktwirtschaft ist weit vom neoklassischen Modell des perfekten Wettbewerbs entfernt und das auf Kosten von uns Verbrauchern. Externalitäten, Informationsasymmetrien und Transaktionskosten sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Letztendlich finden wir auf vielen Märkten Oligopole vor und bezahlen einen Preis dafür. Von einer Atomistizität des Angebots kann auf dem Automobil-, Handy oder IT-Markt niemand reden, wenn es nur eine Handvoll von Herstellern gibt, die nach ihrem Gutdünken Produkte entwerfen und weiterentwickeln. Oder eben auch nicht, solange die Verkaufszahlen stimmen. Dies alles sind Produktmärkte mit beträchtlichen Entwicklungskosten, anders ausgedrückt, Up-Front und Sunk Costs für die Unternehmen, welche sie wieder hereinholen müssen und zugleich Eintrittsbarrieren für potentielle Konkurrenten. Das Ergebnis sind nicht zu hohe Preise, die nach einem regulatorischen Eingriff rufen würden, sondern mangelnde Produktfeatures. Diese kann aber keine Aufsichtsbehörde auch nur annähernd objektiv messen, denn Wünsche zur Funktionalität eines Produktes sind per se subjektiv. Eingriffe in den Markt zum Schutz der Verbraucher zu fordern, wäre verfehlt.

Diese Situation ruft nach einer Marktlösung, welche die Entwicklungs- und Produktionskosten als Eintrittshindernis überwinden hilft. Und Crowdfunding tut genau dies, indem wir Konsumenten die Kosten vorschießen für jene Projekte, von denen wir uns einen Nutzen versprechen.

Crowdfunding gibt uns nun die Möglichkeit, bereits vor der Entwicklung und Herstellung Einfluss auf das Angebot zu nehmen. Nicht mehr große Firmen entscheiden, was wir brauchen oder uns wünschen könnten. Crowdfunding gibt uns zumindest etwas mehr Mitspracherecht und macht den Markt so demokratischer. Crowdfunding ist auf der einen Seite eine Wette, dass ein bestimmtes Projekt genug Unterstützung auf dem Markt erhält, so dass es auch tatsächlich realisiert wird. Zugleich ist es aber auch eine bewusste Aussage jeder einzelnen Unterstützerin: ‚Ja, dieses Produkt will ich haben – und ich bin bereit, dafür Geld einzusetzen‘.

Sicher hat Crowdfunding seine Grenzen. Wir können wiederum nur aus einem Angebot von Projekten auswählen. Oder wir starten eben unser eigenes. Komplexe Produkte mit einer hohen Produktionstiefe eignen sich nicht für Crowdfunding, hierfür sind Koordinationsprozesse und Qualitätskontrolle zu aufwendig. Auch gibt es auf den unterschiedlichen Crowdfunding-Plattformen Projekte, deren Sinnhaftigkeit, sagen wir mal, einem nicht sofort ins Auge springt. Das ist aber völlig nebensächlich, niemand zwingt uns, diese zu finanzieren. Sie haben auch nur geringe Aussichten auf Erfolg. Genau dies ist aber Aufgabe des Marktes: von vielen Ideen, jene zum Erfolg zu führen, die für die meisten von uns einen Mehrwert erbringen.

Die theoretischen und praktischen Verfechter freier Märkte haben erkannt, dass niemand alle Wünsche und Bedürfnisse kennen kann, noch, dass es eine einzige passende Lösung für Knappheiten auf der Welt gibt. Eine zentrale Planungsbehörde kennt diese nicht, Großkonzerne, welche sich in ihren Werbeslogans mit ihrer Konsumentennähe brüsten, ebenso wenig. Wagen wir also mehr Demokratie auf Verbrauchermärkten mit Crowdfunding, denn Schwarmintelligenz bringt letztendlich mehr Nutzen als Visionen legendärer Unternehmensführer.

 

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Pascal Bernhard
Pascal Bernhard ist seit September 2016 Gastautor.Als systematischer Coach, ausgebildet nach DCV-Richtlinien, coacht er seit 2 Jahren Personen im Business-Bereich zur Vorsorge gegen Burnout & Work-Life Balance, im privaten Bereich in Form von systemischem Familiencoaching mit Kindern und Eltern.Sein Schwerpunkt liegt auf der systemischen Ebene, sprich das Bewusstsein, dass wir Menschen uns in sozialen Systemen bewegen und unser Verhalten immer eine Reaktion auf unser Umfeld ist. Zuvor war er in der Unternehmensberatung SCIfür Schienenverkehr in Berlin und der Amerikanischen Handelskammer in Paris im Consulting tätig.