Warum ich Crowdfunding scheiße finde!

Scheinbar alle stehen auf Crowdfunding. Nur ich irgendwie nicht. Alle sagen: „Das ist ja so toll“ und so „disruptiv“. Und eine „Demokratisierung des Konsums“. „Und ich kann ja da mitmachen“ und „Ich bewege was“. So schalmeit es, wenn ich mit Freunden und Bekannten darüber spreche. Nur ich sage: „Scheiß die Wand an und geh mir mit dem Mist vom Hof. Ich bin nicht eure Laborratte; und ich will nicht euer Marketing-Tool sein.“ Aber der Reihe nach.

Neulich war ich in Frankfurt in The Square, um einen kurzen Vortrag zu halten. In der Mittagspause dann der übliche Smalltalk. Als nahezu alle Themen durchgenudelt waren, kamen wir – respektive ein sonst sympathischer Zeitgenosse – zum Thema Crowdfunding. Er erzählte voller Stolz, dass er über Kickstarter einen super Rucksack (oder sonst eine blöde Tasche) „gefundet“ habe. Und jetzt noch mit dem Hersteller im Dialog sei. Und alles so super sei und er dadurch ja auch eine Art „Macher“ sei.

Prima, dachte ich mir: Gute Gelegenheit, mich noch mal mit Crowdfunding & Co. zu beschäftigen. Das letzte Mal intensiv zu dem Thema recherchiert hatte ich im Frühjahr 2013 im Rahmen eines Papers zum Thema Sharing Economy in diesem Bereich.

Gesagt, getan. Einige Gespräche mit den üblichen Opfern (Anmerkung: in Branchensprache „Unterstützer“ genannt) geführt, die hier und da Crowdfunding „unterstützen“, die üblichen Portale gescreent und ein, zwei Gespräche mit Tätern geführt. Und meine ablehnende Meinung hat sich bestätigt.

Was soll(te) Crowdfunding (ursprünglich eigentlich) sein?

Crowdfunding ist angetreten, um als eine Form der Schwarmfinanzierung Projekte mit Geld zu versorgen. Finanziert werden Produkte, Services oder Geschäftsideen in Form eines Darlehens, das in wie auch immer gearteter Art zurückfließt. Häufige Formen sind Reward-Based oder Lending-Based Crowdfunding; aber Spenden und Investmentformen sind üblich.

Insbesondere künstlerische, soziale und innovative Projekte sollten eigentlich im Fokus stehen bzw. standen im Blickpunkt, bevor Crowdfunding Teil der digitalen Popkultur wurde. Richtig geil also. Oder Studenten sollten gefördert werden, die mit Herzblut ihre Ideen verwirklichen wollten, Enthusiasten, die für ihre Sache gebrannt haben. Richtig geil. Und auch einige Öko-Weltverbesser-Spinner waren zu finden. Auch noch richtig geil.

Aber mit dem blühenden Erfolg des Konzepts hat sich das Modell abgenutzt und wird missbraucht.

Was ist Crowdfunding heute?

Crowdfunding ist heute – in Summe – für‘n Arsch. Es ist in 9 von 10 Fällen aus meiner Sicht billiges Marketing, um über einen bestimmten Weg eine bestimmte Zielgruppe zu adressieren, in den Dialog einzubinden und zum Konsum zu verführen. Es werden oft gar keine richtigen Innovationen vorgestellt, sondern 0-8-15-Produkte werden clever positioniert und vermarktet. Leute, die über Teleshopping wie QVC & CO. die Nase rümpfen, lassen sich auf Kickstarter und Konsorten einlullen – äh „inspirieren“.

Crowdfunding ist Marktforschung am lebenden Objekt. Es ist Kundenbindung und Markterweiterung. Anzutreffen sind irgendwelche Vorspielabspritzer, die mir den „world’s first watch-size subwoofer for your body“ anbieten oder den ultimativen „DIY Back & Body Shaver“ schmackhaft machen wollen.

Versteht mich hier nicht falsch, wenn ich sage: „Fuck you und schleicht euch mit eurer China-Ware.“ Gleichzeitig sage ich aber auch: Respekt! Vom Marketing der „Produktdesigner“ lässt sich viel lernen. Es lassen sich viele Elemente auf klassisches Produkt- und Servicemarketing als Best Practice identifizieren und ableiten. Angefangen bei der Produktpräsentation und dem Kundendialog über Produkt- und Servicedifferenzierung zur Adressierung unterschiedlicher Preispunkte bis hin zum Nachkaufmanagement zur Reduktion von Kaufreue. Das alles läuft sehr oft sehr perfekt.

Was bleibt!

Ja, es gibt sie noch heute, die sozialen Projekte oder die geilen Handwerks- und Kunsthandwerksprojekte. Finde ich gut, unterstütze ich auch. Ich finde auch, dass diese Projekte für Wohlstand sorgen und Lebensqualität erhöhen. Aber Rückenhaarrasierer und der hundertste „Lost & Found-Schlüsselanhänger“ stiften keinen Nutzen und keinen Mehrwert. Es sind sicher alles Produkte, für die es einen Markt gibt. Es sind Produkte, in denen Erfindergeist steckt. Es sind „Dinge“, die Menschen wollen. Aber Leute: Tut bitte nicht so, als ob ihr mit dem Funding eines Rucksacks die Welt rettet, bessere Menschen seid und überhaupt … Ihr seid weiterhin nur ein Objekt einer definierten Zielgruppe!

Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.