Noch kann niemand mit Bestimmtheit sagen, wie genau wir in Zukunft arbeiten werden. Oder welche konkreten Auswirkungen die Digitalisierung auf die Verfügbarkeit, die Nachfrage und die Verteilung von Arbeit in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren haben wird. Vieles wird davon abhängen, wie wir die durch stärkere Vernetzung weiter zunehmende Automatisierung, Autonomisierung, Flexibilisierung, aber auch die Folgen disruptiver Technologien und der Entstehung neuer Geschäftsmodelle handhaben. In welchen Bereichen sich unsere Unternehmen durch Vorreiterrollen eine Marktführerschaft sichern können, welche Anpassungskosten auf uns zukommen, wie sich der Wettbewerb auf den verschiedenen Märkten entwickeln wird, welche Produktivitätsschübe wir zu erwarten haben, welche Auswirkungen das alles auf die Beschäftigung hat und nicht zuletzt, auf welche rechtlichen Rahmenbedingungen für Digitalisierung wir uns einigen.

Die Digitalisierung bietet Chancen, selbstbestimmter und flexibler arbeiten zu können, Arbeitszeit und freie Zeit besser miteinander zu vereinbaren, mehr Zeit für Familie und andere Menschen zu haben. Gleichzeitig schlummert in ihr genügend Potential, dass wir dabei unseren derzeitigen Wohlstand nicht nur erhalten, sondern zudem in der Lage sind, ihn auf eine tragfähige, ökologisch-soziale Grundlage stellen. Damit wir diese Chancen nutzen können, kommt es darauf an, Digitalisierung aktiv zu gestalten. Mit Investitionen in die notwendige Infrastruktur und durch das Schaffen geeigneter rechtlicher Rahmenbedingungen, um der Wirtschaft die notwendigen Anpassungsmaßnahmen zu erleichtern. Mit Maßnahmen, die Menschen schnellstmöglich zur Teilhabe an einer digitalen Arbeitswelt und Gesellschaft befähigen und die neu auftretenden Verteilungsproblemen wirksam entgegensteuern oder sie am besten erst gar nicht entstehen lassen. Hier muss Politik beweisen, dass sie Antworten hat. Aber auch Unternehmen, Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaften – wir alle sind gefragt, uns mit klaren Zielvorstellungen, Kreativität und Gestaltungswillen an den kommenden Aufgaben zu beteiligen.

Darüber, dass Handlungsbedarf besteht, sind sich die verschiedenen Akteure einig. Wer sich hin und wieder in Berlin aufhält und etwas über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt erfahren möchte, kann jeden Tag sicher drei verschiedene Veranstaltungen besuchen. Noch im November will Bundesministerin Andrea Nahles ihr Weißbuch „Arbeiten 4.0“ vorstellen. Die grüne Bundestagsfraktion hat mit ihrem Antrag „Arbeit 4.0 – Arbeitswelt von morgen gestalten“ eigene Vorschläge unterbreitet. Den Zeitpunkt für erste entscheidende Weichenstellungen haben wir heute schon erreicht. Digitale Technologien bestimmen zunehmend unseren Arbeitsalltag. Einer aktuellen Umfrage des DGB zufolge stellen zwei Drittel der darin Befragten fest, dass sie in ihrem Job bereits heute in hohem bis sehr hohem Maß von Digitalisierung betroffen sind. Wir müssen dafür sorgen, dass Flexibilisierung keine Einbahnstraße ist, und von den neuen Arbeitsmöglichkeiten Betriebe und Beschäftigte gleichermaßen profitieren. Bestimmte Branchen sind durch digitale Angebote bereits gehörig unter Druck geraten – beispielsweise der Handel. Bis sich die Effekte disruptiver Technologien, neuer Geschäftsmodelle, des 3D-Drucks oder gar von künstlicher Intelligenz voll entfalten werden, wird es vermutlich noch zehn bis zwanzig Jahre dauern. Und auch langfristig haben wir sowohl die Möglichkeiten als auch die Ressourcen, die anstehenden Prozesse aktiv mitzugestalten. Zentral wird für uns die Beantwortung folgender Fragen sein, auch wenn wir auf diese bisher noch keine gesicherten Antworten geben können:

Wie werden wir zukünftig arbeiten?

In einigen Berufsfeldern werden sich zunehmend Möglichkeiten eröffnen, unabhängiger von starren Arbeitszeiten und flexibler in der Wahl des Arbeitsorts, also selbstbestimmter zu arbeiten. Mit digitaler Vernetzung lassen sich viele Arbeitsabläufe in Unternehmen besser koordinieren und effizienter gestalten. Menschen sind allerdings keine Maschinen, die sich ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse beliebig in derartige Abläufe einbeziehen lassen. Flexibilisierung darf nicht zu dauerhafter Verfügbarkeit, Mehrarbeit und erhöhtem Zeitdruck führen. Digitale Steuerung muss genug Räume für Auszeiten schaffen und darf nicht zur Überwachung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt werden. Um das zu gewährleisten, benötigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein ausreichendes Mitspracherecht bei Entscheidungen über ihre Arbeitszeiten, die Lage ihres Arbeitsortes sowie ein umfassenderes Recht auf informationelle Selbstbestimmung und einen effektiven Beschäftigtendatenschutz. Durch die Digitalisierung ergeben sich auch neue Möglichkeiten der Arbeitsorganisation. Arbeitgeber werden sich die Frage stellen lassen müssen, warum Karrierechancen nur mit einer hohen Anzahl individuell geleisteter Arbeitsstunden einhergehen sollen. Wieso lassen sich Führungspositionen nicht schon jetzt sehr viel öfter zwischen zwei oder mehreren Personen aufteilen? Hier eröffnen sich sinnvolle Wege in Richtung einer neuen Arbeitskultur, in der sich beruflicher Erfolg vor allem über das Lösen von Problemen und weniger über eine hohe Präsenz und viele Überstunden definiert.

Wie lange werden wir arbeiten?

Vor knapp zwei Jahren wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Aussage zitiert, dass durch die Digitalisierung letztendlich mehr Jobs entstehen würden als in der klassischen Wirtschaft verloren gingen. Damals habe ich die Bundesregierung dazu befragt, auf welche empirischen Kenntnisse sich diese Aussage bezog, und die Antwort fiel wie erwartet dann doch sehr viel differenzierter aus. Ich persönlich bin da mit Blick auf den Erhalt des derzeitigen Arbeitspensums skeptischer, allerdings kann auch niemand in die Zukunft sehen. Die deutsche Wirtschaft mit ihren hohen Exportquoten und ihrer starken Ausrichtung auf die Branchen Maschinenbau, chemische Industrie und Automobilindustrie befindet sich vermutlich in einer relativ privilegierten Position und hat gute Voraussetzungen, gerade auf den zukünftig wachsenden Märkten eine bedeutende Rolle zu spielen.

Andererseits werden im Zuge der Automatisierung und Autonomisierung einige Arbeitsplätze und ganze Berufsgruppen verloren gehen, über Effizienzsteigerungen durch Vernetzung wird es zu weiteren Arbeitseinsparungen kommen und durch die Möglichkeit, über Plattformen in direkten Kontakt mit Kundinnen und Zulieferern am anderen Ende der Lieferketten zu treten, werden auch verschiedene Intermediäre auf dem Markt nicht länger gebraucht. Die zentrale Frage ist, ob wir im Zuge der Digitalisierung mit solchen Produktivitätssprüngen rechnen können, dass diese das benötigte Arbeitsaufkommen stabil halten, also den Wegfall von Arbeitsplätzen wieder kompensieren. Sollte dies der Fall sein, hätte Frau Merkel mit ihrer Aussage Recht. Allerdings sehen wir bereits jetzt, wie neue Akteure auf dem Markt zu sehr geringen Grenzkosten sehr hohe Gewinne erwirtschaften können, bei gleichzeitig minimalem Arbeitsaufkommen. Grenzkosten Null ist sozusagen die Philosophie der Digitalisierung. Und wir sehen Effekte durch Effizienzsteigerungen und Ressourceneinsparungen natürlich nicht nur auf der Seite der Produktion, sondern sie wirken sich auch auf unseren Konsum aus. Immer mehr Autos befinden sich nicht mehr in Privatbesitz, sondern werden geteilt. Wir haben uns an eine Vielfalt digitaler Angebote zu sehr geringen Preisen gewöhnt.

Deshalb, und vor allem auch weil die Ressourcen unserer Erde begrenzt sind und wir bereits weit über die ökologisch verträglichen Grenzen unseres Planeten hinaus wirtschaften, kann Wachstum nicht mehr wie bisher die Antwort auf sich verändernde Produktionsbedingungen sein. Neue Produktivität muss ihren Beitrag zu sozial und ökologisch verträglichen Formen sowohl der Produktion als auch des Konsums leisten.

Und wenn nun das benötigte Arbeitsaufkommen sinkt, die Produktivität aber steigt – sollten wir uns vor den Folgen fürchten? So ganz neu ist das Phänomen ja in jedem Fall nicht. Haben Menschen früher teilweise noch siebzig Wochenstunden in Vollzeit gearbeitet, sind es mittlerweile etwa vierzig und in zwanzig Jahren vielleicht nur noch dreißig Wochenstunden. Wir hätten mehr freie Zeit zur Verfügung und könnten über die gestiegene Produktivität unseren Wohlstand erhalten. Mit berücksichtigt dabei sind allerdings noch nicht die Fragen nach der Verteilung – und gerade auf diese kommt es an.

Werden wir von unserer Arbeit leben können?

Zunächst einmal ist die Frage berechtigt, warum Unternehmen weniger Löhne zahlen sollten, wenn die Produktivität steigt, sich mehr Kapital kumuliert, und die Wirtschaft insgesamt mehr verdient. Sinkt aber gleichzeitig das benötigte Arbeitsaufkommen, ist die Antwort relativ einfach: Weil sie es können. Hier steht die Politik in der Verantwortung, gute Antworten zu finden, um alle Menschen am Wohlstand teilhaben zu lassen. Bis heute hat wirtschaftliche Wertschöpfung einen nicht unerheblichen Teil der Rendite in Form von bezahlter Arbeit an die Gesellschaft zurückgegeben. Das wird auch nicht auf einen Schlag alles plötzlich wegfallen, wir reden hier durchaus über längere Zeiträume, wenn auch branchenspezifisch. Aber für die Bereiche, in denen durch die Digitalisierung ein großes Wertschöpfungspotential zunehmend ohne Arbeitskosten gehoben werden kann, sind steuerpolitische Instrumente gefragt. Ob das zum Beispiel eine Maschinensteuer sein kann oder die Idee einer negativen Einkommenssteuer, bleibt zu diskutieren.

Die relevanten Verteilungsfragen betreffen aber nicht nur unseren zukünftigen Wohlstand, sondern auch die zukünftig nach wie vor benötigte menschliche Arbeit. Wir streben sicher keine Gesellschaft an, in der einige gut ausgebildete, hoch bezahlte IT-Fachkräfte den Großteil des Arbeitspensums abdecken, während insbesondere gering qualifizierte Menschen keinen Zugang mehr in die digitale Arbeitswelt finden. Hier müssen wir schon jetzt und umfassend in Bildung, digitales Lernen, duale Ausbildung, berufliche Aus- und Weiterbildungsangebote und lebenslanges Lernen investieren. Einige Unternehmen haben das auch schon erkannt und legen großen Wert auf die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie möchten die kommenden Herausforderungen zusammen mit ihren Beschäftigten meistern und nicht immer neue Leute einstellen. Viele Unternehmen stellen sich aber auch gerade erst zögerlich auf Veränderungen ein. Auch hier kommt es wieder auf gelebte Mitbestimmung an. Und nicht nur in den Betrieben. Die Digitalisierung wird nicht nur auf unseren Arbeitsalltag und unseren Arbeitszeitumfang, sondern eben auch auf unsere Ideen von zukünftiger Wertschöpfung, von Wohlstand und von fairer Verteilung Einfluss nehmen. Wir sind den zukünftigen Entwicklungen nicht ausgeliefert, sondern besitzen eine stabile und lebendige Demokratie. Mitbestimmen können und sollten wir letztendlich alle.

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Dieter Janecek
Dieter Janecek ist seit September 2016 Gastautor bei Denkhandwerker.Er ist Sprecher für Wirtschaftspolitik der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und im Ausschuss Digitale Agenda. Dieter Janecek ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags und wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Als Vollmitglied gehört er dem Ausschuss für Wirtschaft und Energie und dem neu gegründeten Ausschuss Digitale Agenda an.Politisch setzt er sich dort für eine konsequente ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ein. Überzeugt, dass nur eine Wirtschaft, die ressourcenschonend und energieeffizient produziert, zukunfts- und wettbewerbsfähig ist, hat Janecek auch den Think Tank Die Transformateure mitbegründet.Zwischen 2008 und 2014 war Janecek Landesvorsitzender der bayerischen Grünen und hat mehrere hundert Unternehmen in ganz Bayern besucht, um mit ihnen in einen Dialog über nachhaltiges Wirtschaften zu treten. Zuvor war der Diplom-Politologe als Landesgeschäftsführer der Grünen sowie als Kommunikationsberater im IT-Bereich tätig.