Digitale Realitäten: Der Artikel ist aus der Kolumne Isso von Axel Oppermann:

Digitalisierung ist ein Thema, das uns spätestens seit den 90er-Jahren betrifft oder begleitet. Nämlich spätestens ab der Zeit, als das Internet aufkam. Zunächst hat man Informationen digitalisiert, dann haben einige angefangen, Transaktionen zu digitalisieren. Und nun kommt eben die zweite Stufe:

Wir digitalisieren die physikalische Welt.

Jedoch wird die zweite Stufe wesentlich brutaler, als es die erste Stufe war. Warum? Weil die Entwicklungen mit exponentieller Geschwindigkeit auf uns zukommen. Wo liegt das Problem? Wenn ich sage, mein Ziel ist 30 Schritte – exemplarisch 30 Meter – entfernt, so kann ich das fassen. Kann meine Ressourcen einteilen. Bei einem exponentiellen Wachstum sind 30 Schritte kaum fassbar. Denn lineares Wachstum beschreibt den Vorgang, dass sich ein Anfangswert in jeder weiteren Einheit um den gleichen Wert erhöht oder verringert. Es liegt also eine konstante Steigung vor. Bei exponentiellem Wachstum hingegen vervielfacht sich ein Wert (im positiven oder negativen Sinne) in jeder weiteren (Zeit-)Einheit. Dabei wird nur zu Beginn der Anfangswert betrachtet. Dieser wird vervielfacht und im nächsten Schritt wird der zuletzt berechnete Wert erneut vervielfacht. Insbesondere liegt dadurch im Gegensatz zu linearem Wachstum keine konstante Steigung vor. Und gerade die fehlende Konstante sorgt für Probleme.

Ferner bin ich der Meinung, dass Digitalisierung nicht das Ziel, sondern ein Weg bzw. ein Mittel der Wahl zum Erreichen von Zielen ist. Ziele von einzelnen Menschen, Gruppen, der Gesellschaft und Unternehmen.

Unternehmen haben dabei oft Ziele wie Wachstum oder so. Beziehungsweise Außenstehende – wie Investoren – haben Wachstumsziele an Unternehmen. Und so kommt es zu Verfehlungen. Ein Beispiel: Microsoft hat im Jahr 2015 einen höheren Cash-Gewinn erzielt, als Facebook an Umsatz realisieren konnte. Dennoch liegt der Enterprise Value von Facebook bei ca. 310 Mrd. US-Dollar und der von Microsoft bei 412 Mrd. US-Dollar. Warum? Weil in der IT-Industrie – leider fälschlicherweise – davon ausgegangen wird, dass das Wachstum der höchste Wert des Geschäfts ist. Und die Auguren trauen Facebook mit seinem Mobile-Werbung-Geschäft und den Plänen für digitale Währung und digitales Bezahlsystem mehr zu, als sie bei Microsoft die „ability to execute“ im Cloud-Geschäft sehen.

Solche Verfehlungen in Zielen und Wahrnehmungen und den Einschätzungen, wie hier nur kurz skizziert, führen dazu, dass sich nicht nur Unternehmen aus der IT-Branche regelmäßig „als reif für die Disruption“ betiteln lassen müssen, weil sie von Start-ups mit 1/1000 des Wertes oder der Erfahrung mutmaßlich herausgefordert werden.

Aber um diese und andere Anforderungen zu erfüllen, müssen digitale Geschichten erzählt, Geschäftsmodelle entwickelt werden. Dabei steht, und ich wiederhole mich, Digitalisierung nicht als Ziel, sondern als Instrument im Raum.

Die Fragen müssen deshalb nicht lauten:

  • Wie muss/kann ich (als Unternehmen) „digital“ werden?
  • Was kann ich digitalisieren?

Sondern vielmehr:

  • Was muss ich im Unternehmen machen, um meinen Umsatz, Gewinn oder sonstige Finanzkennzahlen um den Faktor 10 zu verbessern?
    • Und genauso wichtig: Wie muss ich mein Unternehmen umbauen, wenn ich dieses Wachstum nicht erreiche?
  • Wie kann ich mein Unternehmen organisieren, um Emissionen oder den Verbrauch von Rohstoffen auf 1/10 zu reduzieren?

Isso!

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Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.