Bildung, Kommunikation, Unterhaltung, Verkehr, Wirtschaft- die Digitalisierung verändert alles. Somit steht auch die Arbeitswelt vor großen Umwälzungen. Pessimisten befürchten den Verlust über die Kontrolle der Arbeitszeit.

Deswegen bedeutet Arbeit 4.0 für die Bundesministerin Andrea Nahles zum Beispiel viermal mehr Vorschriften und null Fortschritt. Dabei wäre es die Aufgabe Politik, die Digitalisierung zu gestalten und ihre Chancen zu nutzen. Mit den richtigen Weichenstellungen kann sie für jeden Einzelnen mehr Freiheit und Flexibilität im Berufsalltag bieten, als es jemals zuvor der Fall war.

Statistiken zeigen, dass manche Pendler im Laufe einer Erwerbsbiographie ganze Jahre im Auto oder im Zug verschenken. Hinzukommen starre und institutionalisierte Arbeitszeiten wie beispielsweise das klassische Nine-to-five – ohne jede Berücksichtigung von persönlichen Präferenzen.

Die Digitalisierung lässt die Bedeutung von Ort und Uhrzeit im Arbeitsalltag aber nun schwinden. Per Berührung des Tablets öffnet das mobile Büro – in der Bahn, am Flughafen oder auf der Couch. Starre Regeln aus der Vergangenheit passen zu diesen Entwicklungen überhaupt nicht mehr.

Deswegen ist es an der Zeit, die Rahmenbedingungen der Arbeit anzupassen und fitzumachen, beispielsweise durch mehr Homeoffice-Lösungen. Studien belegen, dass Arbeitnehmer, die auch von zu Hause arbeiten können, zufriedener und produktiver sind. Außerdem lassen sich so monatlich Stunden kostbarer Lebenszeit einsparen, die nicht für den Stehplatz in der S-Bahn oder auf der Autobahn vergeudet werden. Im Weiteren ist das geltende Arbeitszeitgesetz 23 Jahre alt. Es entstammt also ziemlich genau aus der Phase, in der die ersten SMS von Handy zu Handy verschickt werden konnten.

Dieses Arbeitszeitgesetz begrenzt die Arbeitszeit an Werktagen auf maximal zehn Stunden und schreibt unverhandelbare elf Stunden Pause zwischen der letzten Amtshandlung am Abend und der nächsten am folgenden Morgen vor. Mit dem Smart Phone in der Tasche und einer dienstlichen Mail am Abend nach einigen freien Stunden ist das nicht mehr zeitgemäß und engt die Menschen ein. Wir sollten auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen und so allen mehr Selbstbestimmung durch Zeitsouveränität ermöglichen. Niemand soll mehr arbeiten müssen oder weniger Pausen machen dürfen – aber persönliche Präferenzen bei der Einteilung unter der Woche müssen endlich möglich sein, ohne vielfach gegen das geltende Recht zu verstoßen.

In der modernen Arbeitsorganisation findet auch ein Umdenken hin zum projektorientierten Arbeiten statt. Unternehmen öffnen sich und ziehen temporär Experten hinzu, anstatt auf Dauer angelegte Abteilungen einzurichten. Die Digitalisierung fördert diese Arbeitsteilung. Denn wie bereits beschrieben verlieren Ort und Zeit für die Durchführung von Aufgaben an Bedeutung. Netzwerke können sich also viel leichter finden und zusammenarbeiten. Immer mehr Arbeitgeber stützen sich auf Freelancer, die diese Beschäftigungsform oft gerne wählen. Selbstständige sind keine Erwerbstätigen zweiter Klasse. Die Politik muss daher ihre Selbstbestimmung respektieren, anstatt sie durch Bürokratie und ungerechtfertigt hohe Krankenkassenbeiträge zu gängeln.

Allerdings haben wir seitens der sozialen Sicherungssysteme Nachholbedarf. Die Flexibilität der Freelancer in den Coworking Spaces der Republik müssen mit sozialer Sicherheit verbunden werden. Deshalb müssen wir die Rente so reformieren, dass sie zur modernen Arbeitswelt und Gesellschaft passt. Die Grundlage unseres aktuellen Rentensystems ist die vermeintliche Norm eines Berufslebens, das komplett in einer einzigen Firma absolviert wird. Die Erwerbsbiographien werden aber heutzutage wesentlich bunter: Menschen wechseln zwischen Selbstständigkeit und Angestelltenverhältnis oder legen Sabbaticals ein. Außerdem sind wir glücklicherweise alle länger gesund und werden älter. Deutschland braucht also dringend ein modernisiertes Rentensystem: fair finanziert und individualisiert.

Dazu sollte jeder selbst entscheiden können, wann er in Rente geht. Wer später geht, bekommt mehr, wer früher geht, bekommt weniger Rente. Im Weiteren sollten wir die Altersvorsorge im Baukastenprinzip organisieren – je nach Lebensweg verschiedener Beschäftigungsformen mit einer individuellen Kombination verschiedener Elemente. Die Menschen sollten ohne Nachteile zwischen Aufgaben, Arbeitgebern und Formen variieren und beispielsweise auch als Selbständige ihre Riester-Förderung behalten können. Bei der Organisation dieser Modernisierung bietet die Digitalisierung durch eGovernment ebenfalls Lösungen.

Ein Online-Altersvorsorgekonto würde eine Übersicht aller angesparten Anwartschaften aus den einzelnen Baukasten-Modulen zusammenzufassen. Zudem brauchen wir ein Bürgergeld, das Sozialleistungen bündelt und unkompliziert beantragt werden kann, dies wäre beispielsweise als Grundsicherung ein sinnvolles Instrument.

Solche Reformen-Maßnahmen in den sozialen Sicherungssystemen eröffnen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bei der wachsenden Gruppe der Selbstständigen und für alle Bürgerinnen und Bürger wesentlich mehr Autonomie und Transparenz bei einer der zentralsten Lebensfragen.

Natürlich bleibt aber vor allem die Bildung gerade in Zeiten der Digitalisierung der Schlüssel bei der Frage, ob wir den Wohlstand des Einzelnen und unseres Landes auch in Zukunft halten können und ob wirklich jeder und jede beim technologischen Wandel auch mithalten kann. Die Arbeit geht uns durch die Digitalisierung nicht aus, sondern sie verändert sich in einem immer schnelleren Tempo. Die Qualifikationsanforderungen steigen und es entstehen Job Designs, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Deswegen muss Deutschland in Qualifikation und Digitalkompetenz der Menschen investieren.

So sollte der Bund endlich die Modernisierung der Schulen und Unterrichtsformen mitfinanzieren dürfen. Bei den Erwachsenen muss lebenslanges Lernen Realität werden. Bildungssparen und eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die Weiterbildung auch von Beschäftigten fördert, sind hierfür geeignete Maßnahmen. Das bringt Chancengerechtigkeit für alle oder auch die Möglichkeit, sich zu verändern.

Wir sehen: Die Digitalisierung ändert alles – inklusive Arbeitswelt. Die Frage ist: Wann ändert sich endlich die Politik, um ihre Chancen zu nutzen? Lösungen, die mehr Freiheit und Selbstbestimmung für jeden Einzelnen ermöglichen, liegen auf der Hand. Packen wir es an und gestalten die Arbeit 4.0.

 

 

 

Teilen
Johannes Vogel
Johannes Vogel ist Generalsekretär der FDP NRW und FDP-Bundesvorstandsmitglied. Sein politisches Herzthema ist die Arbeitsmarktpolitik. "Denn Arbeit ist mehr als Broterwerb."