Geht es euch auch umfassend auf den Zeiger? Aussagen wie „die Arbeitswelt ändert sich“ oder „Arbeitsplatz der Zukunft … blablabla“. Von allen Richtungen schallmeit es, dass sich die Art und Weise, wie Menschen arbeiten werden, in den kommenden Jahren rasant verändern wird. Soweit stimme ich zu. Doch dann kommen die Marketingabteilungen und Produktmanager der Software- und Serviceanbieter, die natürlich alle die besten Lösungen haben, und wollen uns erklären, wie schön die neue Arbeitswelt wird. Es wird alles einfacher, alles automatischer. Und Arbeiten macht so viel, ja so viiiiiiiiiiiel mehr Spaß und ist so toll. Wir finden uns alle ganz toll – und so.

Und jetzt müssen wir alle ganz schnell die Services kaufen, nebenbei noch die Büroinfrastruktur ändern, also unterschiedliche Arbeitsbereiche mit tollen Namen etablieren, die Arbeit von Raum und Zeit entkoppeln, Prozesse anpassen und schon, ja schon sind wir im Land, wo Wein und … fließen. In einer Welt, in der Menschen spielerisch Entscheidungen treffen und en passant das Tagwerk erledigen. Toll! #ickfreumir!

Klar ist, dass sich viele Arbeitsplatzbeschreibungen, Rollen und Personas im Unternehmen ändern werden. Klar ist, dass Automatisierung und kognitive Arbeitsweisen in die Unternehmen einziehen, viele Chancen bieten, aber auch Risiken für den Einzelnen bringen. Klar ist, dass in Zukunft mehr Menschen unterhalb des Algorithmus arbeiten werden.

 

Kein Recht auf Arbeit = keine Relevanz der Arbeit

Ein Recht auf Arbeit gibt es in Deutschland nicht. Den Anspruch des Individuums gegen den Staat auf die Gewähr der puren Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt durch den Einsatz der eigenen Arbeitskraft zu sichern, sieht unser System nicht vor. Im Grundgesetz gibt es keine solche Regelung. Zwar gibt es in einigen Landesverfassungen einzelne Ausführungen hierzu. Diesen kommt jedoch nicht die Rolle unmittelbaren Rechts zu, sondern sie signalisieren nur die Richtung, in die der Staat tätig werden soll – bzw. die Gesellschaft sich entwickeln soll. Dies bedeutet auch, dass Arbeit für den Staat und die Gesellschaft, im Gegensatz für das Individuum, keine Bedeutung hat. Es geht darum, dass die Arbeit erledigt wird; nicht dass gearbeitet wird. Also: Get shit done.

 

Rolle, Bedeutung und Relevanz der Arbeit – aus der Vogelperspektive

Die Erwerbsarbeit stellt für den Menschen im Zeitalter der Wissens- und Resonanzgesellschaft eine nicht zu unterschätzende Quelle der Selbstidentifizierung dar. Sowohl die eigene als auch die fremde Anerkennung „unserer“ Arbeit ist von enormer Relevanz für soziale Wahrnehmungsprozesse der Individuen. Doch immer öfter ist eine solche Identifikation bedingt durch die von den Arbeitsstrukturen bzw. Arbeitsmodellen abweichende gesellschaftliche Entwicklung.

Durch mehrheitsgeteilte Vorstellungen von Bedeutung und Relevanz gewisser Berufsgruppen ist es dem Arbeitnehmer möglich, sich in bestimmte Muster der Anerkennung einzuordnen und sich somit auch selbst zu reflektieren und zu behaupten. Doch die Arbeitswelt ist von einem anhaltenden Wandel geprägt und dieser bedingt auch immer, sich an künftige Veränderungen und Visionen anzupassen. Globalisierung und Technisierung tragen tagtäglich dazu bei, gewohnte Strukturen der Arbeitswelt zu modifizieren. Transformationen innerhalb der Bereiche der Arbeitswelt, der Gesellschaft und der Technik unterliegen wachsendem Interesse und bieten vielfältige Möglichkeiten, um den sich wandelnden Anforderungen gerecht zu werden und zu effizienteren Arbeitsweisen zu gelangen. Aber dennoch geht es immer nur darum, dass die Dinge erledigt werden.

 

Rolle, Bedeutung und Relevanz der Arbeit – aus der individuellen Sicht von Otto Normalarbeiter

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich mit minimalen Ausnahmen keinen, der in einem abhängigen Arbeitsverhältnis ist und der in seinem Arbeitsleben die Erfüllung sieht, der das Arbeitsleben in den Mittelpunkt stellt. Auch nicht bei denen, die in einem Konzern auf dem Karrierepfad sind und durch Hauen und Stechen, Treten und Beißen (ja, so läuft das!) ins gehobene Mittelmanagement wollen, wo sie ganz so nebenbei in einigen Jahren von Algorithmen überflüssig gemacht werden.

Die einen arbeiten, um zu überleben, haben zwei oder mehr Jobs, sind Zeitarbeiter, leben mehr oder weniger von der Hand in den Mund oder arbeiten, um den verzogenen Kindern irgendeinen Wunsch zu erfüllen. Die anderen, die in einem regulierten Arbeitsumfeld leben, wo IG Metall & Co. abartig gute Arbeitsbedingungen etabliert haben, arbeiten für ihre Wünsche und überwiegend für ihre Freizeit. Keiner, wirklich keiner von denen in ihren quasi-saturierten Lebenswelten wäre bereit, für 50 Prozent mehr Geld 20 Prozent mehr zu arbeiten. Sie wären jedoch bereit, für 10 Prozent weniger Geld 20 Prozent weniger zu arbeiten. Was beiden Gruppen gleich ist, ist das Ziel, die Arbeit zu erledigen – get shit done.

 

Scheißegal!

Versteht mich nicht falsch. Die arbeiten gerne. Verstehen und streiten sich mit ihren Kollegen, haben Erfolgserlebnisse, setzen sich ein, sind erfolgreich – oder auch nicht; meckern über den Chef oder identifizieren sich mit dem Chef. Aber letztlich machen sie ihre Arbeit. Nicht mehr, nicht weniger.

Schöner Arbeitsplatz: okay. Flexible Arbeitszeiten: okay. Aber der Glaube, der (über-)durchschnittliche Mitarbeiter werde durch agile Arbeitsplatzkonzepte und super-duper-digitale Lösungen angetrieben mehr zu machen ist falsch. Dass er in Summe bessere Arbeit liefert ist falsch. Dass er mehr arbeitet ist falsch. Dass er weniger arbeitet ist falsch. Dass er besseren Output liefert ist richtig. Dass die Wertschöpfung besser wird, darf in weiten Teilen bezweifelt werden.

Der breiten Masse der Beschäftigten geht es darum, dass sie die in sie gesetzte Erwartungshaltung erfüllt, und das in einer Art und Weise, wie es für sie komfortabel ist. Ob sie dabei IBM Connections, Slack oder Office 2010 oder Office 365 nutzen: Es ist scheißegal. Das Ziel der (der breiten Masse der) Menschen, jedenfalls in unserem Wirtschafts- und Kulturkreis, ist es (nur noch), die Sache zu erledigen; get shit done.

Und der breiten Masse ist es absolut egal, mit welchem Tool von welchem Anbieter auch immer sie arbeitet. Sie will die Sache erledigt wissen. Und deshalb ist der Ablauf bei der Einführung neuer Lösungen oder Prozesse immer gleich. Zunächst wird sich beschwert, dann gibt es eine Schulung – und es wird sich weiter beschwert; die Lösung wird eingeführt (und es wird gemeckert) und mit der Zeit arrangiert man sich mit der Lösung oder erkennt und nutzt die individuellen Vorteile. Die neuen Werkzeuge/Anwendungen sind nur dann gut, wenn der persönliche Nutzen erkannt wird. Wenn die persönliche Situation verbessert wird und die in einen gesetzte Erwartungshaltung leichter erfüllt wird.

 

#isso

Ich höre jetzt schon die Alarmglocken und Berufsbetroffenheitsgesichter: Nein, bei mir ist das nicht so. Hashtag bester Arbeitsplatz; Hashtag beste Kollegen; Hashtag ichbinsotoll.

Ich sag nur: ja, nee ist klar. Dass die schöne neue Welt auch für die nicht schön ist, für die diese Welt schon lange nicht mehr neu ist, zeigt sich u. a. auf Konferenzen, abends an der Hotelbar oder bei den wirklich seltenen wahren offenen Gesprächen. Nämlich dann, wenn die Protagonisten, Evangelisten und Meinungsmacher zusammenkommen, also diejenigen, die morgens auf der Bühne die schöne Arbeitswelt beschreiben, in Chancen reden und Vanille versprechen, sich abends aber darüber auskotzen, dass sie mittlerweile seit drei Wochen permanent unterwegs sind, dass doch vieles nicht so reibungslos funktioniert, Zielvorgaben mit Arbeitsweisen, Arbeitsweisen mit Anforderungen an die Arbeit und die Arbeit mit den persönlichen Umständen nicht harmoniert.

Quasi die, die Wein predigen und selbst nur Wasser trinken. Also diejenigen, die den moralischen Stellungskrieg über die richtige Lösung, das richtige Arbeitsmodell von der Tastatur aus führen, Facebook und Blogs als bequeme Kanzel nutzen, denen aber selbst kalt ist, die in der emotionalen Embryostellung verharren. Auch all diese Menschen denken für sich: get shit done!

 

Mehr dazu in meinem Kommentar „IBM Connect 2017, Collaboration und darüber hinaus – oder: Get shit done“.

Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.