Nun, Arbeit 4.0 ist zwischenzeitlich ein Begriff in der Arbeitswelt, und ich persönlich habe keinen Zweifel daran, dass dies nun bei den meisten Arbeitnehmern als auch bei den Arbeitgebern angekommen ist.

Es gibt unendlich viel über Arbeit 4.0 zu lesen, jetzt vergessen wir an dieser Stelle die Sitzsäcke und die bunten Farben an den Bürowänden, im Kern geht es, wie ich finde, immer nur darum, die gesamte Arbeitswelt flexibler und individueller zu gestalten…

Nur ist dieser Vorstoß unserer Regierung eine Innovation.
Das Thema Flexibilität in der Arbeitswelt ist ganz unter uns schon viele Jahre ein großes Thema in Deutschland, so hat ein Arbeitsminister im Zusammenhang mit Wohnung/Arbeitsstätte gesagt, die Arbeitnehmer müssen flexibler werden – Pendlerparkplätze ein schöner Begriff aus der Zeit.

Ich selbst war 2003 als Zuhörer in einem Prozess vor dem Bayrischen Landesarbeitsgericht, wo es um eine Klage eines Arbeitnehmers in der IT – zu seiner Zeit noch EDV – ging, und der vorsitzende Richter meinte zu dem Kläger, der vorgeschlagene Vergleich sei nicht so schlecht, der Verlust des Arbeitsplatzes gerade für ihn nicht so groß, denn er sei als EDV Spezialist sehr gefragt und können doch eine ICH AG gründen und sein Können selbstständig am Markt anbieten.

ICH AG – wer kennt das noch? Ja, zu der Zeit hatten wir eine hohe Arbeitslosenquote in Deutschland und zu der Zeit gab es noch eine „Dunkelziffer“; die Meldepflicht war noch nicht geboren und die Statistiken deshalb ungenau. Was machen, wenn eine hohe Arbeitslosenquote im Wahlkampf ein gefundenes Fressen für die Opposition ist? Ganz einfach, den Arbeitsmarkt flexibler gestalten und es den Arbeitgebern einfacher machen, mit Arbeitnehmer zusammen zu arbeiten.
Jetzt hoffe ich, dass ich nicht das Geheimnis der Geheimnisse verrate. Nach ein paar Monaten erholte sich der Arbeitsmarkt und die Arbeitslosenquote ist gesunken, die Freelancer waren geboren und eine neue Branche hat sich wie der Phönix aus der Ascher erhoben, die Freiberufler-Vermittler.

Aber auch diese Flexibilisierung reichte nicht aus. Die nächste Welle ist über Deutschland hereingebrochen und die verfluchte Arbeitslosenquote stieg erneut und das Gegenmittel war mehr Flexibilität – befristete Arbeitsverträge sollten es den Arbeitgebern erleichtern, Mitarbeiter einzustellen, und dies mit einer Flexibilität von zwei Jahren, was bei unserem Kündigungsschutz in Deutschland eine echte Motivation für Arbeitgeber sein sollte. Aber damit jetzt nicht alle nur noch befristete Arbeitsverträge machen, hat unsere Regierung gleich noch einen hinterher geschoben, den Eingliederungszuschuss. Ja, Arbeitgeber bekommen eine finanzielle Unterstützung, wenn Sie arbeitslose Mitbürger in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis einstellen.

Arbeitslosenquote, Wahlkampf… Ja, ihr wist jetzt Bescheid!

Nächste Runde also ANÜ – Arbeitnehmerüberlassung, ein erneuter, gut durchdachter Ansatz, die Arbeitswelt flexibler zu gestalten! Was soll ich sagen, eine neue Branche ist geboren, mit eigenem Verband, eigenem Tarifvertrag, die Arbeitswelt wurde flexibler.
Ja, wir können es drehen und wenden, in allen Szenarien gab es Sieger und Verlierer. Zum einen gab es nach der ICH AG weniger Beiträge zu den Sozialversicherungen und keinen Schutz für die Inhaber der ICH AG. Bei den befristeten Arbeitsverträgen waren oft die ganz jungen und die älteren Arbeitssuchenden welche keine Möglichkeit auf einen unbefristeten Vertrag bekommen haben. Der in Deutschland geltende Kündigungsschutz ist und bleibt der größte Risikofaktor in der Bewertung eines Arbeitsverhältnisses für einen Arbeitgeber.
Bei der ANÜ wurden die „geliehenen“ Arbeitnehmer gefühlt schlechter gestellt, Flexibilität und Individualität bringt nun Mal nicht nur Vorteile.
Aber ganz ehrlich unter uns Klosterschülern, wir haben Arbeit!
Arbeit 4.0, ein Begriff der primär vom Arbeitsministerium geprägt wurde und aus einem Dialog zur Neugestaltung der Arbeitswelt geboren ist. Arbeiten 4.0, ein Begriff unter dem sich jeder was anderes vorstellt! Und das ist gut so, denn wir sind eben alle sehr individuell und abhängig von der jeweiligen Lebenssituation flexibler oder eben nicht.
Was machte unsere Regierung die letzen Jahre, um die Arbeitswelt flexibler und individueller zu gestalten?
Alles was ich lese ist, dass die vorhandenen Werkzeuge mehr und mehr entkräftet werden, die Gesetze noch restriktiver werden und wir uns immer noch im Arbeitsrecht 0.1 befinden und weit weg von Arbeitsrecht 4.0 und damit von Arbeit 4.0 sind.
Was bedeutet Gesetze werden restriktiver, also 2017 Neureglung des § 611a BGB, Begrenzung der Ausleihzeit in ANÜ auf erstmal 18 Monate, nun soll noch eine neue Regelung für befristete Arbeitsverträge her.

Wo ist hier die Flexibilisierung und Individualisierung geblieben?

Ich sehe keinerlei, von unserer Regierung getriebene, Veränderungen in Richtung Arbeit 4.0.
Nur, was ist nun die Konsequenz aus dem wirklich gelungene Weißbuch Arbeiten 4.0?

Ich muss gestehen, ich habe keine Antwort und freue mich daher auf die Kommentare.

Karl Gerber
Karl Gerber ist seit Mai 2017 Gastautor auf Denkhandwerker. Nach sehr unterschiedlichen Stationen im Daimler Konzern hat Herr Gerber sich im Jahre 2000 entschlossen den sicheren Schoß dieses tollen Unternehmens zu verlassen und sich auf den Weg in die weite Welt der IT zu machen. Seitdem ist er im Vorstand der IT Competence Group.