Gibt es die Start-up Szene in Deutschland wirklich?
– oder warum ein Notartermin noch kein Start-up ausmacht sollte –

Das wird ein wunderschöner Tag, dachte ich mir auf dem Weg ins Büro um 5:15 beim Anblick des Sonnenaufgangs, nur die Erwartung an den Tag sollte bei Weitem nicht erfüllt werden.

Zurück zum Anfang, vor einigen Wochen habe ich eine Mail bekommen mit der Einladung, einer Diskussionsrunde zum Thema Start-up beizuwohnen. Voller Enthusiasmus habe ich natürlich zugesagt, da mich die Geschäftsmodelle der jungen Wilden natürlich brennend interessieren.

Nun was mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass es scheinbar für Start-up Gründer opportun ist, mit allen Regeln zu brechen! Alles, beinhaltet eben auch so Sachen wie Höflichkeit, Respekt einfach gesagt Umgangsformen.

Die Gründer und alle anderen waren leicht auseinanderzuhalten, alleine die Kleidung zeigte deutlich wer, zu welchem Lager gehörte. Aber auch die Wortwahl machte dies deutlich, so haben die „alten Hasen“ immer von „wir“ gesprochen und die jungen Wilden von „ich“. In meinem ganzen Leben habe ich das Wort „ich“ nicht so oft in einem Meeting gehört wie in den 3 Stunden mit den Start-ups.

Eine der ersten Fragen war, was braucht ein Start-up, wo können wir helfen?
Die Antwort mehr oder weniger im Kanon: „Geld, Kundenzugang und Werbeplattformen!“ Zusammengefasst war das die einzige Aussage, die gekommen ist.

Lang, lang ist es her, die wilden Zeiten der Gründerszene, wo Firmen wie CISCO, AMD, Intel mit einem absolut innovativen und komplett neuen Geschäftsmodell auf den Markt getreten sind und als Start-up gefeiert wurden. In der „alten“ Zeit waren die Voraussetzungen, um ein Start-Up zu sein, noch klar geregelt:

… jünger als 10 Jahre.
… mit ihrer Technologie und/oder ihrem Geschäftsmodell (hoch) innovativ.
… streben ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum an.

Quelle: DSM 2015

Heutzutage reicht scheinbar ein Notartermin zum Gründen einer Kapitalgesellschaft und ein „selbstbewusstes“ Auftreten des/der Gründer. Ein paar gekonnt platzierte Marketingaktivitäten zwitschern und es läuft. Ja, es läuft oft zwar rückwärts und bergab, aber es läuft eben.

Ich frage mich in Anbetracht der jüngsten Veröffentlichungen über die Start-Up Szene, ob wir diese Szene eigentlich noch haben. Wo bleibt das (hoch) innovative Geschäftsmodell, wenn eine weitere online Auktionsplattform an den Start geht oder die in den Himmel gelobte Suchmaschine von der Suchmaschine ihren Dienst antritt. Sind das nun wirklich die Start-Ups mit dem innovativen Geschäftsmodell, mit dem Streben nach Wachstum?
Oder einfach nur Unternehmensgründungen, wie sie immer stattgefunden haben, nur jetzt mit einer unnatürlichen Aufmerksamkeit der sozialen Medien?
Verlieren wir damit nicht wirklich den Fokus auf die echten, innovativen Start-Ups wie RetrOBrain oder Sonormed, Firmen die eine reale Chance haben, unser Leben nachhaltig zu verbessern, zu verändern.

Ja, es gibt sie noch die wenigen innovativen Start-Ups und nun appelliere ich an alle, die meinen Artikel lesen, schenkt denen die ungeteilte Aufmerksamkeit, die sie verdient haben.

 

 

Karl Gerber
Karl Gerber ist seit Mai 2017 Gastautor auf Denkhandwerker. Nach sehr unterschiedlichen Stationen im Daimler Konzern hat Herr Gerber sich im Jahre 2000 entschlossen den sicheren Schoß dieses tollen Unternehmens zu verlassen und sich auf den Weg in die weite Welt der IT zu machen. Seitdem ist er im Vorstand der IT Competence Group.