Die Stadt München wird sich (sehr wahrscheinlich) in der Verwaltung weitgehend von Linux und Open-Source-Software verabschieden. Doch was sind die Gründe? Handelt es sich hierbei um eine industriepolitische Entscheidung oder eine technisch, strategisch, operativ, realpolitisch, postfaktisch notwendige Maßnahme? Hierüber gibt es zahlreiche unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Diese Ansichten wollen wir auf Denkhandwerker vorstellen und diskutieren. Hier ein Einstieg ins Thema.

Ein von unbeugsamen kommunalpolitischen Raufbolden bevölkertes Dorf an der Isar galt jahrelang, quasi ab 2006, nämlich nach Abschluss einer mit reichlich Problemen behafteten Testphase, die so ungefähr im Jahr 2003 begann, als so etwas wie das Mekka der Open-Source-Bewegung, der Leuchtturm quelloffener Software in der Verwaltung und als ernsthafter Vorreiter, als echte Alternative, zum seinerzeit besonders und heute noch immer allgegenwärtigen Windows und Office von Microsoft in der Verwaltung und im professionellen Umfeld.

Christian Ude, bis 2014 OB in München, Christian Ude, der kommunalpolitische Raufbold, der gemeinsam mit seinen Kumpanen der IT-Abteilung den Umstieg auf Linux forcierte, förderte und vollmundig formulierte, Christian Ude, der seine Entscheidungen auch nicht immer nur basierend auf Fakten, sondern auch auf Emotionen und politischen Interessen getroffen hat, ist nicht mehr da, um ein grundsätzlich relevantes Projekt zu schützen. Und so fehlt den IT-Mannen neben einer bedarfsgerechten Ressourcenausstattung auch die notwendige Rückendeckung, um das Projekt weiterzuentwickeln. Warum? Weil der „neue“ Chef im Münchner Rathaus, Dieter Reiter, der heutige Oberbürgermeister und ehemalige Wirtschaftsreferent, der Microsoft nach München geholt hat, kein Verständnis hat. Verständnis nicht (nur) im Sinne von Verstehen, Verstand oder Sachverstand, sondern im Sinne von: sich in jemanden bzw. in etwas hineinversetzen, jemanden bzw. etwas verstehen, also eine innere Beziehung zu etwas haben; Einfühlungsvermögen.

 

Das Ende ist nah

Und so scheint das Ende von Linux in München zu kommen, und damit in der öffentlichen Verwaltung als grundsätzliche strategische und operative Option. Mit den Stimmen der Regierungsfraktionen von SPD und CSU hat der Münchner Stadtrat beschlossen, in der Verwaltung von Linux zu Windows und anderen sogenannten marktüblichen Standardprodukten zurückzukehren. Ziel ist es, bis Ende 2020 einen neuen Windows-Basis-Client zu entwickeln, diesen mit eben marktüblichen Standardprodukten auszustatten und (im besten Fall) auch einzusetzen.

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.
(Weisheit der Cree-Indianer) 

 

Das Vorhaben umzusetzen bedeutet, ca. 80 Prozent der mutmaßlich 20.000 Linux-Clients auf ein dann (hoffentlich) aktuelles Windows umzustellen. Hinzu kommt mutmaßlich die Umstellung der restlichen 20 Prozent der Rechner, die heute auf Windows laufen. Ja, diese Rechner müssen auch umgestellt werden. Laufen diese doch heute nicht auf modernen Systemen, sondern noch unter Windows XP & Co. Komisch – oder? Hinzu kommt die Bereitstellung von Applikationen und IT-Services. Hinzu kommen neue Security-Konzepte, hinzu kommen Auswirkungen des Umstellens von Applikationen auf das Bereitstellen von Lösungen auf mobilen Geräten – exemplarisch dienstliche Smartphones. Dies bedingt wieder Anpassungen an Management- und Servicemodelle. Hinzu kommen Veränderungen bei der Nutzerverwaltung. Hinzu kommt die Notwendigkeit, Formulare & Co. anzupassen und zu verändern. Hinzu kommen neue Workflows. Hinzu kommt …, hinzu kommt … und hinzu kommt natürlich auch …

Und selbst wenn dann alles erledigt ist, egal was es dann auch gekostet haben wird, und selbst wenn dieses Dann dann irgendwann sein wird, also ob das Dann das erwartete 2020 ist, selbst dann wird es ja nicht besser. Weil die Leute dann mit neuen Systemen mit veralteten und nicht mehr zeitgemäßen Prozessen operieren, wird sich keine Verbesserung einstellen. Und es ist jetzt schon klar, dass nach der Umstellung die Anwender in der Verwaltung nicht zufriedener oder motivierter sein werden. Weil sie nie zufrieden sein werden, sie werden nie motivierter sein. Warum? Weil es nicht funktionieren wird. Jedenfalls nicht am Anfang, nicht 2020. Auch hier wird es eine Lern- und Erfahrungskurve geben.

 

Vom Client – von der Infrastruktur her – denken ist der falsche Weg

Egal, was die Motivation für den Rückzug von Linux und der Weg hin zu Microsoft-basierten Lösungen und Systemen ist. Egal ob politisch motiviert, von einem Ego getrieben oder tatsächlich notwendig. Der von und in München eingeschlagenen Weg ist der falsche; wahrscheinlich der falschmöglichste.

Warum? Eine Veränderung von der Infrastruktur kommend führt nicht zum Erfolg. Es ist der falsche Ausgangspunkt. Im übertragenen Sinn: Es ist egal, ob ich mit einem BMW oder mit einem Audi von München nach Hamburg fahre. Wichtig ist, ob bzw. dass ich ankomme. Und noch viel wichtiger ist, ob ich überhaupt nach Hamburg fahren muss. Also ob ich nicht andere Alternativen habe, zum Beispiel fliegen oder bahnfahren. Oder ob ich überhaupt nach Hamburg muss, oder ob nicht eine Videokonferenz reicht.

Übertragen auf das Münchner Beispiel: Anstelle sich mit einem Umstieg von System A, das nicht alle Anforderungen erfüllt, auf das System B zu konzentrieren, das auch nicht alle Anforderungen erfüllen wird, sollte man sich lieber mit den Prozessen und Arbeitsabläufen beschäftigen. Also: „Wie wollen wir in drei, fünf oder sieben Jahren arbeiten?“ „Welche Anforderungen hat der Bürger heute und in fünf Jahren?“ „Welche Technologien werden in fünf Jahren Alltag – Status quo – sein, und wie kann ich mich als Verwaltung darauf vorbereiten, dass ich in fünf Jahren hiervon partizipiere?“ Oder „Wie kann ich durch Automatisierung und Self-Service-Angebote meine Verwaltung effizienter und effektiver gestalten?“ Das, und weitere, sind die Fragen, die es zu beantworten gilt. Und auf dieser Basis muss ich technische Infrastrukturen, Prozesse und Kompetenzen bereitstellen.

 

Aber: so what?

München galt lange als das Vorzeigebeispiel der Open-Source-Bewegung. Nun steht die Stadt kurz vor der Rückkehr zur digitalen Beliebigkeit in der Verwaltung. Wir möchten hier auf Denkhandwerker einen Beitrag zur Diskussion dieses Themas leisten. Hierzu binden wir unterschiedliche Interessierte und interessante Köpfe ein. Unter anderem Mitglieder des Münchner Stadtrats wie Brigitte Wolf von der Fraktion „Die Linke“. Sie sagt:

 

Brigitte Wolf, Die Linke, München Stadtrat

„Der Mehrheitsbeschluss des Münchner Stadtrats zur Ablösung von Linux-Clients durch Microsoft-Clients ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie dogmatisches Festhalten an einmal eingenommenen Positionen und technisches Halbwissen dazu führen, die Arbeitsleistung vieler Menschen ad absurdum zu führen, sehr viele Ressourcen in der IT der Stadt München zu blockieren und hohe zusätzliche Kosten auszulösen.

Die CSU-Fraktion hatte bereits 2002 den damaligen Beschluss zum Wechsel auf Linux-Clients nicht mitgetragen und sieht jetzt die Gelegenheit für eine Rolle rückwärts zurück zu Microsoft.

Allerdings: Die technische Entwicklung ist in den letzten Jahren ein gutes Stück voran gekommen. Die Entwicklung geht immer schneller dahin, dass Fachanwendungen im Rechenzentrum auf Servern laufen, und für die Ansteuerung Thin-Clients genügen. Alle neuen Fachanwendungen der Stadt werden browserfähig entwickelt, Altanwendungen, die noch mit einem Betriebssystem „verheiratet“ sind, sollen möglichst rasch abgelöst werden.

Der städtische Eigenbetrieb it@M hat gerade ein Konzept für virtuelle Arbeitsplätze vorgestellt. Damit sollen alle Anwendungen künftig von Clients mit beliebigen Betriebssystemen genutzt werden können: Nicht nur Windows- oder Linux-Clients, sondern auch Android, MacOS oder iOS Betriebssysteme werden unterstützt.

Das heißt, die Grundsatzfrage „Microsoft oder Linux?“ verliert zunehmend an Brisanz.

Dennoch: Die Konzentration auf Linux-Clients war und ist auch ein Baustein für besseren Datenschutz und Datensicherheit, und auch für die Attraktivität der Stadt München für IT-Fachkräfte. Und statt nun alle Kräfte auf die anstehende Umorganisation der städtischen IT zu konzentrieren, schlagen CSU und SPD technisch überholte Schlachten. Bleibt nur zu hoffen, dass Fach- und Kostenargumente doch noch zu einer Revision der Entscheidung führen.“

In einzelnen Artikeln stellen wir weiter Meinungen und Sachverhalte vor. Eine Übersicht gibt es hier.

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Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.