Mein Motto lautet: Das Leben gestalten und nicht verwalten! Oder man könnte es auch anders ausdrücken: Wir können das Leben nicht verlängern, sondern nur vertiefen. Ich glaube, wenn wir mehr Leben spüren und erleben wollen, dann brauchen wir Leben.

Doch sehr häufig frage ich mich, ob uns das wirklich in der Gänze so bewusst ist? Für mich sind in diesem Zusammenhang zwei Dinge wichtig, wenn wir über mehr Leben im Leben sprechen: Dass wir den Moment besser wahrnehmen, erleben und leben können und das wir nicht auf das Leben warten.

Selbsterkenntnisimpuls: Den Moment besser wahrnehmen und erleben.

Viele Menschen, so habe ich den Eindruck, leben nach der Devise „noch schnell“. Sie machen immer etwas „noch schnell“. Noch schnell den Telefonanruf, noch schnell mit den Kindern spielen, noch schnell zum Sport, noch schnell den Einkauf erledigen, noch schnell etwas essen…und dennoch kommen sie doch nicht richtig vom Fleck und das Leben rauscht an ihnen vorbei, weil schon das nächste „noch schnell“ auf sie wartet.

Zudem erhöht sich unser Tempo durch die ständige Erreichbarkeit. Oder zumindest dadurch zu glauben, ständig erreichbar sein zu müssen. Hieraus hat sich bereits eine Angst gebildet. Nomophobie, so heißt die Angst, nicht erreichbar zu sein. Und natürlich tragen die sozialen Netzwerke zu dieser Erreichbarkeit einen großen Teil dazu bei und wir können auch viel Aktuelles von uns selbst nach außen geben. Denn die Welt da draußen soll ruhig wissen, wie es uns geht: „War gerade am Klo! Hat gut getan!“ „Stehe am Bahnsteig. Der Zug hat zwei Minuten Verspätung. Stress! Stress! Stress!“ „Sitze gerade draußen und betrachte den blauen Himmel. Was seht ihr?“

Förmlich jeder Atemzug wird zu einem unglaublichen Erlebnis gemacht. Und weil viele diese Erlebnisse schildern erleben sie diesen Moment dann doch nicht richtig. Der Post über den blauen Himmel ist wichtiger, als den blauen Himmel wirklich in diesem Moment richtig wahrzunehmen und zu spüren. Wir verpassen teilweise das Leben in der Tiefe, weil wir das Leben schildern und den Moment nach außen geben, anstatt ihn für uns zu spüren.

Doch ganz ehrlich: Dreht sich die Welt nicht ohne diese Botschaften genauso weiter? Welchen Unterschied macht es auf dieser Welt, ob ein Post mit einem Essen in die Welt hinaus geschickt wird oder nicht? Keine fünf Minuten mehr halten es viele aus, um dann schon wieder auf ihr Smartphone zu gucken. Ist eine neue Mail eingegangen? Kam eine neue SMS? Was tut sich auf Whats App? Verstehe mich bitte richtig: Ich finde die technischen Möglichkeiten, die wir haben, sehr nützlich. Ich selbst benutze auch diese Geräte. Doch die Frage, die mich immer stärker damit beschäftigt, ist: Beherrschen wir diese Geräte oder beherrschen mittlerweile diese Geräte uns? Wie ist das bei Dir?

Eine Gruppe junger Menschen kommt zu seinem Rabbi und fragt ihn: „Lieber Rabbi sag uns doch, wie gelingt es Dir, dass Du das Leben jeden Moment so für Dich annehmen und spüren kannst?“ Daraufhin sagte der Rabbi zu ihnen: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich.“ Da blickten sich die jungen Menschen an und sagten zu ihm: „Aber Rabbi, das machen wir doch auch!“ Darauf antwortete der Rabbi: „Nein, das macht ihr eben nicht. Denn wenn ihr liegt, dann steht ihr schon auf. Wenn ihr aufsteht, dann geht ihr schon. Wenn ich geht, dann seid ihr mit den Gedanken schon beim Essen. Und wenn ihr esst, dann plant ihr schon Euren nächsten Termin.“ Weise Worte des Rabbis, über die es sich lohnt immer wieder einmal nachzudenken.

Wir können das Leben, den Moment, zukünftig wieder besser erleben und spüren, wenn wir den Mut haben, uns auch einmal auszuklinken. Einfach mal für kurze Zeit die Umgebung genießen, den Sternenhimmel betrachten und das machen, wozu ich gerade Lust habe. Dafür ist übrigens eine Frage sehr wertvoll, die Du Dir einige Male im Laufe des Tages stellen kannst: „Was ist jetzt das Beste für mich?“ Und dann spüre in Dich hinein und sei gespannt, welche Antwort es für Dich gibt.

Selbsterkenntnisimpuls: Nicht auf das Leben warten.

Viele Menschen warten regelrecht auf das Leben. Und dieses Warten hört sich dann so an: „Wenn…dann…“ „Wenn erst mal die Kinder aus dem Haus sind, dann…“ „Wenn erst einmal das Haus abbezahlt ist, dann…“ „Wenn ich erst einmal im Ruhestand bin, dann…“
Es gibt eine schöne Geschichte eines Ehepaares, die vor dem Scheidungsrichter stehen. Er 98 Jahre, sie 95 Jahre. Der Scheidungsrichter fragt die beiden: „Warum wollen Sie sich denn jetzt in diesem hohen Alter noch scheiden lassen?“ Darauf antworten die beiden: „Wir wollten solange damit warten, bis unsere Kinder gestorben sind!“

Wie häufig tappen wir in diese „Wenn…dann…“ Falle? Wir verschieben das Leben auf einen späteren Zeitpunkt, ohne zu wissen, ob wir diesen Zeitpunkt überhaupt noch erleben. Mehr Leben braucht wieder mehr Leben in der Gegenwart. Denn Gegenwart bedeutet auch „gegen das Warten.“ Was hast Du bisher immer auf die Zukunft verschoben? Wäre nicht jetzt der richtige Moment und Zeitpunkt, dies umzusetzen? Was braucht es, damit dies für Dich möglich ist?

Das Leben in die Zukunft zu verschieben ist das eine, in der Vergangenheit festzusitzen ist das andere. Wie viele Menschen gibt es, die nur in der Vergangenheit schwelgen. Die sich die „guten alten Zeiten“ zurück wünschen oder die mit ihrer Vergangenheit hadern und dabei das Leben in der Gegenwart aus dem Blick verlieren.
Die Vergangenheit ist vorbei. Diese Geschichte ist geschrieben und nicht mehr zu ändern. Erkenne Deine Geschichte an, doch lasse diese Geschichte nicht permanent Deine Gegenwart bestimmen. Das einzige was für jeden von uns möglich ist ist, dass wir aus der Gegenwart, aus dem jetzigen Moment heraus, das Leben wahrnehmen, spüren und unsere Zukunft gestalten. Und wir sollten uns auch immer klar machen, dass unsere Vergangenheit nichts mit unserer Zukunft gemein haben muss. Jeder von uns hat die Freiheit der Entscheidung, aus dem gegenwärtigen Moment sein Leben gestalten zu können. Die Macht der Gegenwart ist die Macht, die wir für uns nutzen können und mit der wir dem Leben mehr Leben geben können.

Ein Rabbi sagte zu einer Gruppe von Menschen: „Kehrt einen Tag vor Eurem Tod um!“ Darauf antworteten die Menschen: „Aber Rabbi, wir kennen ja nicht den Tag, an dem wir sterben werden.“ Darauf sagte der Rabbi: „Eben. Und darum kehrt jetzt um!“ Welch weisen Worte des Rabbis.

Wir alle haben die Chance, jetzt, in diesem Moment, unserem Leben eine neue Richtung zu geben und dadurch mehr Leben in unserem Leben zu spüren. Und dadurch können wir auch wieder etwas in uns neu entdecken, was möglich ist, wenn wir uns dies von Herzen wünschen.

 

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Jürgen Zwickel
Jürgen Zwickel ist seit Oktober 2016 Gastautor bei Denkhandwerker.„Entdecke in Dir, was möglich ist“, so lautet das Motto des Vortragsredners, Autors und Impulsgebers Jürgen Zwickel.Der gelernte Bankkaufmann war jahrelang als Verantwortlicher sowohl im Ausbildungsbereich als auch in der Personalentwicklung einer großen Bank tätig, ehe er sich 2008 als Vortragsredner, Seminarleiter und Coach selbstständig machte.Aus seiner über 20-jährigen Erfahrung bei der Entwicklung von Menschen weiß er, dass in jedem von uns mehr steckt als das, was wir für gewöhnlich glauben. Dabei findet er es immer wieder spannend, wie es uns gelingt, diese Ressourcen zu erkennen und auch mehr Leichtigkeit in unser Handeln und Leben und im Umgang mit Veränderungen zu bringen.Er begleitet in seiner Tätigkeit Unternehmen, Organisationen, Menschen und speziell auch Sportler in ihrer (Leistungs)Entwicklung und Potenzialentfaltung und auf dem Weg zu ihrem persönlich besten Level.Er ist Gründer der Xing-Gruppe „Dein bestes Lebenslevel“ und betreibt den Podcast „Best-Level-Talk“, indem er und auch anerkannte Experten und außergewöhnliche Persönlichkeiten Inspiration, Motivation, Impulse und Tipps für das persönlich beste Lebenslevel weitergeben.Er ist zudem Autor dreier Bücher. Sein neuestes Buch hat den Titel: „Entdecke in Dir, was möglich ist - mehr Leichtigkeit, mehr Leistung, mehr Leben!“