Sie schlafen in der Nacht vorher schlecht. Die größte Angst des Menschen ist die Angst vor dem Versagen. Man weiß, man steht da vorne und die Zuhörer erwarten von einem eine ganze Menge. Für mich ist immer wieder wichtig: Angst ist normal, verständlich. Fast alle Menschen, mit denen ich in irgendeiner Form zusammen gearbeitet habe (Coaching), berichten mir von Ängsten. Auch die Spitzensportler, die ich auf Championate wie die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften vorbereite und als Mental Coach begleite. Die gute Nachricht: Sie können Ihre Redeangst, Lampenfieber in den Griff bekommen. Mein Ziel ist allerdings im Coaching nicht, dass der Klient mit 0,0 Lampenfieber das Coaching verlässt. Meine Klienten gehen mit ein bisschen Lampenfieber wieder aus dem Coaching raus (auf einer Skala von 0 – 10, wobei 10 für die größtmögliche Nervosität steht,  mit einem Wert von 2 und besser), denn Lampenfieber stellt eine ganze Menge in unserem Leben als Vortragende sicher.

Vorbereitung ist alles
Es ist entscheidend, die Rede sehr gut vorzubereiten, und zwar vom Ankommen auf der Bühne bzw. vor den Zuhörern bis zum letzten Schlussapplaus. Vor allem die ersten fünf Minuten kann ich immer in- und auswendig, vor und zurück.

Nutzen Sie im Unternehmen Kollegen, vielleicht Ihren Abteilungsleiter, um vor einem kleinen Kreis schon mal die Rede, die Sie dann vor einem größeren Kreis in einem größeren Rahmen halten wollen, zu üben. Oder Sie spannen ein iPad in einen Notenständer und sprechen Ihre Rede auf. Danach schauen Sie sich dann die Rede noch mal an, eventuell mit einem Coach oder mit einem Kollegen, um sich selbst zu reflektieren und zu analysieren. Eine Top Vorbereitung hilft extrem die Redeangst zu reduzieren.

Viele Kunden haben im Coaching schon „gestanden“, dass sie einfach nicht genug vorbereitet waren. Da mag ich mich selbst bei meinen allerersten Reden gar nicht  ausnehmen.
Mancher meiner Kollegen empfiehlt, die Rede komplett wie ein Drehbuch aufzuschreiben und auswendig zu lernen. Das habe ich für mich auch ausprobiert, allerdings stellte sich das als nicht hilfreich für mich heraus. Es bringt mich das aus dem Konzept, wenn ich dann vor den Leuten stehe und mir fällt nicht mehr ein, was als nächstes in meiner schriftlich vorbereiteten Rede steht. Dann habe ich schon mal den roten Faden verloren. Daher schreibe ich heute keine Rede von Anfang bis Ende auf. Ich überlege genau die Inhalte, Schwerpunkte und Übergänge von einem Thema zum anderen, damit das Ganze nicht abgehackt wirkt.

Ankommen
Reden Sie erst, wenn Sie auf der Bühne oder vor Ihrem Publikum angekommen sind. Schauen Sie ins Publikum, nicht auf den Boden, atmen Sie tief bis in den Bauch – Achtung: Nicht ins Mikro atmen.  Erden Sie sich. Zählen Sie bis drei. Kommen Sie an.
Ja, üben Sie das im Trockentraining. Ich habe dies bei meinen verschiedenen Lehrmeistern immer und immer wieder tun dürfen, damit es mir in Fleisch und Blut übergeht.

Ziele
Mit welchem Ziel gehe Sie in die Präsentation?
Zielvisualisierung, das heißt, dass ich mir im Kopf über meine fünf Sinne vorstelle: Woran erkenne ich, dass diese Präsentation / Rede gelungen ist? Zum Beispiel stellen Sie sich vor, dass am Ende viele zu Ihnen kommen, Ihnen eine positive Rückmeldung geben, ein Foto mit Ihnen machen wollen, Ihnen noch mal die Hand schütteln, lange klatschen, aufstehen, vielleicht sogar jubeln. Mit diesem Bild gehen Sie auf die Bühne oder treten Sie vor das Publikum.

Abschauen
Ich gehe auf Kongresse und in Vorträge von Kollegen, von denen ich glaube, dass ich noch ganz viel lernen kann. Ich gehe auch ins Coaching zu Kollegen, die ich sehr schätze, und analysiere dann mit dem Kollegen einen Auftritt von mir und übe Ausschnitte meiner Präsentationen. Mein Motto: Lerne von den Besten.

Publikum mit einbeziehen
Das ist so eine viel diskutierte Frage: Bleibe ich die ganze Zeit während des Auftritts auf der Bühne und bin im Monolog oder gehe ich von der Bühne runter, stelle mich vor die Leute oder gehe auch mal in das Publikum rein und stelle Fragen an meine Zuhörer. Stellen Sie auf jeden Fall Fragen, sodass Ihre Zuhörer innerlich mitgehen müssen und eine Antwort auf ihre Frage finden müssen. Das aktiviert und erzeugt Spannung.

Support, Ressourcenperson
Halten Sie unbedingt Blickkontakt zu Zuhörern, die Ihnen wohlgesonnen scheinen, die Sie anlächeln, nicken, die mitgehen.
Ich war vor vielen Jahren als Speaker in Italien auf einem Kongress. Ich hielt dort einen Vortrag zum Thema Sportmentaltraining. Einer meiner Ausbilder saß in der ersten Reihe und mir war bewusst, dass es ihm nicht so passt, dass ich da nun sein Thema als Speaker referiere. Er schaute mich während des ganzen Vortrags mit versteinerter Miene an, was mich damals total verunsichert hatte. Ich hatte ihn extra eingebunden, hatte seinen Namen genannt, auf ihn gezeigt, erwähnt, dass ich ihm all das Wissen zu verdanken hätte, was aber an seiner Mimik nichts geändert hatte. Heute weiß ich, dass ich einen solchen Zuhörer nicht mehr anschaue, sondern mich auf die Menschen fokussiere, die sich für mein Thema oder für mich als Person interessieren.

Als ich meinen ersten Vortrag für BMW hielt, kam im Vorfeld ein Freund von mir, der bei BMW als Führungskraft arbeitet, zu mir und fragte mich: „Antje, ich bin ja Führungskraft bei BMW tätig. Ich bin als Zuhörer beim Vortrag dabei. Ist das okay für dich?“ Ich lächele ihn an und sage: „Ja, klar, ich freue mich, dass du dabei bist. Ich habe allerdings eine Bitte: Bitte lächele mich an, unterstütze mich durch eine positive Mimik; Feedback oder Kritik bitte im Anschluss, dann gerne und jederzeit.“

Unmittelbare Vorbereitung vor dem Vortrag
Überlegen Sie sich im Sinne eines Rituals, wie Sie genau die Zeit vor Ihrer Rede gestalten und verbringen wollen. Dem einen hilft gegen die Nervosität Bewegung an der frischen Luft, in der Natur, eventuell mit Musik auf den Ohren. Kaffee, Cola, zuckerhaltige Lebensmittel/Getränke würde ich vor einer Rede vermeiden, genauso unmittelbar vor einer Rede noch viel zu essen macht eventuell müde. Dann überlegen Sie sich, ob Sie noch Atem- oder Entspannungsübungen machen wollen, denn Atmung in Verbindung mit einem Ruhebild oder „Schöner Ort“ genannt reduziert die Anspannung. Also: durch die Nase ein-, durch den leicht geöffneten Mund ausatmen. Bis in den Bauch atmen, sodass sich beim Einatmen die Bauchdecke wölbt und beim Ausatmen wieder senkt. Achten Sie insbesondere darauf, dass das Ausatmen fast doppelt so lang ist wie das Einatmen. Sie können das Ganze noch erweitern dadurch, dass Sie beim Ausatmen sich denken: Ich lasse los. Oder: Ich lasse meine Nervosität los. Oder Sie klopfen die Thymusdrüse in Verbindung mit einer Affirmation (positives Selbstgespräch), zum Beispiel: „Ich bin konzentriert“, „Ich bin bestmöglich vorbereitet.“

Zu sich stehen
Auch das ist ein Punkt, über den man sicher diskutieren kann. Ich war gerade wieder als Rednerin und Mental Coach auf dem Kreuzfahrtschiff AIDA unterwegs. Eine solche Reise kann ich im Übrigen nur jedem mal ans Herz legen.
Wir waren dieses Mal drei Edutainerinnen – so ist unsere offizielle Bezeichnung. Eine der beiden Kolleginnen begann ihre erste Rede auf der Bühne mit der Aussage, dass sie noch nicht so routiniert sei wie die beiden anderen Kolleginnen an Bord und dass sie ein wenig aufgeregt sei. Den ersten Punkt hätte ich nicht gesagt – dass sie noch nicht so routiniert sei wie die beiden anderen Kolleginnen -, denn dadurch lenkt sie erst recht den Fokus auf ein Defizit von ihr.
Aber ja, man darf und kann durchaus auf der Bühne sagen, dass man ein wenig aufgeregt ist. Denn zu seiner Angst zu stehen zeugt von großem Mut, Mut, den ja viele andere Menschen gar nicht haben, denn sie würden sich ja gar nicht erst auf die Bühne stellen.

Erfahrung sammeln
Ich habe in meiner Ausbildung zur Vortragsrednerin gelernt, man müsse mindestens hundert Vorträge halten, damit man so richtig gut wird. Kommt hin. Wobei man erst dann auf die Bühne gehen sollte, wenn man wirklich auch guten Content (Achtung:  gespeist aus der eigenen Praxis und nicht bei Kollegen kopiert – das fliegt irgendwann auf) hat und sich seiner Sache sicher ist, denn ansonsten leidet der Ruf. Dann bleiben die erhofften Aufträge aus. Beginnen Sie mit Vorträgen zum Beispiel für eine Xing-Gruppe, für einen Sportverein, für eine Peergroup, einen (Coaching-)Verband, Regionalgruppen in Verbänden etc.

Noch einen Tipp am Rande: Trinken Sie, je nach Länge Ihres Vortrags, zwischendurch auf der Bühne, und zwar Wasser. Denn wenn sie stark dehydrieren, kann die Konzentration nachlassen.
Verwenden Sie am Anfang ruhig auch Karten. Achten Sie darauf, dass die Karten auf der Rückseite mit Ihrem Logo bedruckt sind.

Es gäbe natürlich noch eine Menge mehr zu sagen. Zu einem anderen Zeitpunkt …
Ich wünsche Ihnen heute erst mal ganz viel Freude beim Vortragen, beim Präsentieren.

Ihre Antje Heimsoeth