Eins vorab: Ich bin auch einer von den Typen, die zurzeit in Workshops und Vorträgen immer wieder von der Transformation sprechen. „Ihr müsst euch transformieren, wenn ihr überlebensfähig bleiben wollt“ sind so Standards, die ich raushaue. In Vorträgen untermauere ich das mit einigen High-Level Beispielen und Empfehlungen; in Workshops gehe ich etwas tiefer.

Vor einigen Wochen hielt ich einen Vortrag in München; Zielgruppe waren Softwareschubser und ‑Prüfer. Inhaltlich ging es um eine durchgeführte Studie. Im Mittelteil mein üblicher Redeschwall zum digitalen Wandel, der Transformation und so. Und da ich mir zur Abwechslung beim Reden mal selber zuhörte, merkte ich – nein ich kam zur Überzeugung – dass Transformation eigentlich scheiße ist. (Spoiler: In ca. 1.576 Zeichen komme ich darauf, warum es trotzdem wichtig ist; versprochen.)

Mir schoss nämlich durch den Kopf, was der feine Herr Duden über Transformation sagt (okay: was Wikipedia schreibt). Transformation steht für „umwandeln, umformen, umgestalten“. Und ich musste da sofort an meinen persönlichen Umwandlungs-, Umgestaltungs- und Transformationsprozess denken, und warum ich ihn nicht endlich in Angriff nehme.

Jeder muss bei sich (selbst) anfangen
Meine persönliche Transformationsherausforderung – mein Problem ? U.a.: Ich habe je nach Interpretation leichtes bis sehr starkes Übergewicht; so um die 43 Kilo (oder so). Jeder Arzt sagt mir, nimm ab – verändere dich – sonst, war´s das. Mir nahestehende Personen und Freunde raten mir, mein Leben neu zu gestalten, sonst würde ich es nicht mehr lange machen. Und ja, selbst die eine oder andere Frau, die freiwillig Kohabitation mit mir ausübt, droht mir: „Wenn sich da nichts verändert, gibt´s keine Wiederholung.“

Rituale sind nicht nur einengend – sie bieten auch Halt
Transformation ist so nah und dennoch so fern. Genauso wie ich – trotz hohem Leidensdruck – Probleme habe, mich persönlich zu „transformieren“, so ist es auch in Organisationen und Teams – wahrscheinlich bei jedem Einzelnen. Und wie soll es erst innerhalb der Gesellschaft sein?

Transformation bedeutet, Angewohnheiten abzulegen. Doch alte Gewohnheiten sterben schwer. Menschen haben den hartnäckigen Drang bzw. Hang, alles und jedes zu bewerten. Das vereinfacht per se das Leben, verhindert aber auch, sich an neue Realitäten anzupassen.

Warum das so ist? Ich kann es dir nicht sagen: Ist es die Flucht vor Reue, ist es das Wahren von Besitz-Macht-Situationen, ist es „…“? Soja-Latte-trinkende-Winter-im-Kopf-Menschen würden auf die Frage antworten: „Das liegt am unauslöschlichen Stempel unseres niederen Ursprungs.“ (Anmerkung: Neulich bei einem Vortrag habe ich diese Aussage einer Teilnehmerin [auf Soja-Latte-superöko-Entzug] einfach wegmoderiert; so what.) War mir zu blöd in der Situation. Nach sieben Bier und drei Gray Goose würde ich darauf antworten: „Ja, nee ist klar.“ Es liegt vielleicht aber auch daran, dass es ein Unterschied ist, ob ich etwas möchte und ob ich das auch kann; bzw. ob ich das, was ich kann, auch umsetzen kann.

Was ich dir aber sagen kann: Was ich gerade beschrieben habe, nennt sich Status-quo-Bias bzw. lässt sich über dieses Modell erklären: Menschen machen das, was sie machen, weil sie es schon immer so gemacht haben. In anderen Worten: Wir (du, ich, sie, es) wollen so bleiben, wie wir sind. Wir machen, was wir immer schon getan haben. Und jetzt bitte kein Aufschrei: Nur weil du heute einen Grünkernsmoothie und keine Sojamilch getrunken hast, trifft das auf dich nicht zu. Das ist keine Transformation; das ist eine Variation innerhalb eines schwachsinnigen Verhaltensmusters.

Neue Erfahrungen führen zu neuen Angewohnheiten
Aber zurück zum „Bias“-Gedanken mit: Weil wir oft – bzw. zu oft – an unsinnigen Gewohnheiten festhalten, verschließen wir uns den möglichen Veränderungen und berauben uns damit neuer, besserer Optionen. Abhilfe schafft nur die aktive Veränderung. Quasi jeden Tag was Neues, was Anderes machen. Auch mal Kleinigkeiten verändern. Mit Details anfangen. Ziel: Mach aus positiven Erfahrungen neue Angewohnheiten. Aber denk dran: Nur weil du den Mist von McDonalds nicht mehr in dich reinstopfst, sondern den Müll von Subway, ist das keine neue Angewohnheit. Und nur, weil McFit jeden Monat 19,95 Euro von deinem Konto abbucht, ist das keine neue Erfahrung: Geh gefälligst hin, du fette Sau, und beweg dich!

Es könnte so einfach sein – ist es aber nicht!
Und deshalb, weil alles so anstrengend und kompliziert ist, ist Transformation eben scheiße. Für das einzelne Individuum, weil es was Neues machen muss und weil Neu Veränderung und Risiko bedeutet, halt was Unangenehmes. Für Teams, weil verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Angewohnheiten und limitierten Denkmustern was machen müssen. Für Unternehmen, weil noch mehr Menschen mit noch mehr unterschiedlichen Verhaltensmustern noch mehr anders machen müssen.

Der Kunde, der transformierte Produkte und digital-disruptiv-transformierte-Services kaufen soll, dem das Marketing aus allen Richtungen einredet, wie toll das Transformationsding ist – der findet Transformation auch scheiße. Warum? Weil er einerseits bei sich im Unternehmen diese Herausforderungen hat (also die Sache mit den Menschen), weil er die „old habits“ bei sich hat und nun auch noch vom Key-Accout-Vice-President-Regional-Leader mit transformierten Lösungen bombardiert wird und nicht mit Erkenntnissen über seine Probleme bzw. deren Symptome und Ursachen.

Wichtig: Der Junge auf dem weißen Pferd kommt nicht
Das Problem mit den Verhaltensmustern kann keiner mal eben ad hoc klären. Auch die Herausforderung mit der Transformation nicht. Kein Zweifel: „Wir Menschen“ müssen unsere Verhaltensmuster ändern, wir müssen unsere Gesellschaft „transformieren“. Und nahezu alle Unternehmen müssen ihr Geschäftsmodell überprüfen und die Art und Weise, wie sie zukünftig ihre Leistungen erbringen wollen, umwandeln, umformen, umgestalten. Sonst gibt es eher früher als später nichts mehr zum Umwandeln.

Doch eins sollte klar sein: Die Ideallösung gibt es nicht. Veränderung fängt wahrscheinlich im Kopf an, hört da aber nicht auf.

Warum ist „diese Transformation“ ein solches Problem?
Weil es wie im richtigen Leben ist: Wo fange ich an, was mache ich, was machen wir? Und jetzt werde ich doch etwas seriöser – deine investierte Lebenszeit soll sich ja wenigstens etwas lohnen:

In einem relativ kurzen Zeitfenster, innerhalb weniger Jahre, haben sich (für uns hier in Kerneuropa) die technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenparameter so extrem verändert wie vielleicht vor 25 oder 70 Jahren das letzte Mal. Die meisten der Konzepte, die vor vielleicht noch 2.000 oder 3.000 Tagen futuristisch anmuteten, entwickeln sich gerade zur Realität. Und damit meine ich nicht, dass die Deutsche Bahn jetzt in den ICEs neue Router einbaut, damit das WLAN funktioniert.

Ich spreche von dem, was hinter dem Internet of Things steht; das jeder und alles zu einem Datenpunkt wird. Ich denke an kognitive Intelligenz und was dahintersteckt. Über Sachen wie AR/VR. Über die Chancen und die Risiken. Ich spreche darüber, dass momentan die Entscheidungen über unser zukünftiges (digitales) Leben nicht in Kerneuropa und schon gar nicht in Deutschland getroffen werden. Über Automatisierung, Digitalisierung, neue Biotechnologien (aber auch Nano- und Fintech).

Diskutiere ich mit Kunden oder Zuhörern über Transformation, so spreche ich nicht von Sollen und Müssen, ich rede über Wollen und Können – in der Reihenfolge. Und die Kernaussage ist: Renovieren geht vor Innovieren. „Perform und Transform“ sind kein Widerspruch. Und wenn die Menschen nicht daran glauben, dass sie durch die „Transformation“ mehr erreichen, dann wird es ihnen auch nicht gelingen.

Was bleibt?

1.Im Kopf fängt alles an. Ein klarer Kopf nutzt aber nichts, wenn du lendenlahm bist.

2.Renovieren geht vor Innovieren.

3.Wenn Transformation gelingen soll, musst du beim Menschen ansetzen und nicht beim Produkt.

4.Schränke die Themen ein, erweitere aber den Dialog.

5.Mache dir klar, was zählt.

6.Vergiss niemals die „Warum-Frage“.

7.Fordere dich selbst auf. Trete mit dir selbst in den Wettbewerb.

8.Vergewissere dich: Was ist Weg, was ist Ziel?

9.Transformation ist nicht nur Frühling im Kopf, sondern auch Kribbeln im Bauch.

So what: Wie erwähnt empfinde ich Transformation aus tiefstem Herzen heraus scheiße. Dennoch arbeite ich jeden Tag an einer Form von Transformation. Im Beruf klappt es oft ganz gut, im Privaten sehr häufig nicht. Aber ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass, wenn ich nicht nur ein Produkt meiner Umwelt sein will, ein aktiver Diskurs dem „der Transformation“ notwendig ist. Dass es für mich als Mensch unabdingbar ist.

Du siehst das nicht so, oder anders? Gerne laden wir dich zu der Diskussion ein! Schreib uns einen Kommentar und erklär uns, was Transformation für dich bedeutet.

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Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.