Connection between human and the virtual world
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Warum wir über eine Steuer für Roboterarbeit und Algorithmen nachdenken sollten, das aber nicht reichen wird.

Sie parken Autos, putzen Toiletten, bespaßen Senioren oder pflegen Kranke. Die Rede ist von Robotern. Sie berechnen komplexe Aufgaben, empfehlen uns Sachen, entscheiden in Geschäftsprozessen und verkuppeln Menschen. Die Rede ist von Algorithmen.

Algorithmen und Roboter werden in den kommenden Jahren in Deutschland einige Millionen Arbeitskräfte ersetzen, Jobs obsolet machen und Berufsbilder ausrotten. Ist so, wird so kommen, da können Sie und ich nichts machen.

Was wir aber unternehmen können – und müssen – ist, uns Gedanken zu machen (und zu handeln), wie die Übergangsphase für alle Menschen hierzulande (in Europa, weltweit) so reibungslos wie möglich gestaltet werden kann.

Futuristic concept of internet dependency
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Es geht darum, gerade jetzt in der Übergansphase, frühzeitig die (wahrscheinlich) kurzfristigen Auswirkungen von Arbeitsplatzverlusten zu kompensieren.

Es geht darum, die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft zu antizipieren und zu handeln.

Es geht darum sicherzustellen, dass der Staat seinen Aufgaben nachkommt. Hierzu benötigt er finanzielle Mittel, die regelmäßig durch Steuern finanziert werden. Fällt die Einkommenssteuer (ohne Kompensation), so fällt unser Wohlstand. Ein Beispiel: Jedes Jahr nimmt der Bund aus einem zu versteuernden Einkommen von über 1.100 Milliarden Euro grobe 210 Milliarden Euro an Einkommenssteuer ein. Fällt die die Einkommenssteuer, sinkt der Wohlstand.

Es geht darum, den Standort Deutschland/Europa zu sichern.

Es geht darum, Werte und Standards aufrechtzuerhalten. So darf die aufkommende Grundhaltung nicht dazu führen, dass die Verantwortung für Themen wie soziale Sicherheit, Datenverarbeitung und deren Kontrolle oder Selbstbestimmung nicht von multinationalen Konzernen bestimmt werden.

Businessman looking to the internet through the computer
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Mir ist schon klar, was Sie jetzt sagen: Das ist nicht die erste Entwicklung dieser Art. Wir hatten doch da schon die Entwicklung von der Sklavenarbeit zur Industrialisierung und dann hin zu ersten Stufe des Informationszeitalters. Und wahrscheinlich werden Sie auch sagen, dass es natürlich ist, dass Berufe oder Berufsgruppen ausgerottet werden; und dass der Verlust von Arbeitsplätzen immer kompensiert wurde. Und so weiter, und so weiter.

Ja, nee ist klar: War so. Aber nur, weil es feststellbar ist, ist da noch lange keine Regel dahinter. Und ferner haben sich die Rahmenparameter – die Spielregeln – geändert. Bei den jetzt anstehenden Änderungen werden Ort, Raum und Zeit aufgelöst. Hä? Okay – in anderen Worten: Gerade Arbeitsleistungen, die (zukünftig) durch Algorithmen erbracht werden, können global gesourct werden. Das heißt, der Ort der Leistungserbringung ist (erstmal) grundsätzlich egal; aber dann doch nicht.

Denn die Arbeit, soweit sie ortsunabhängig ausgeübt werden kann, und das trifft auf viele Dienstleistungen, Kontroll- und Serviceaufgaben zu, wird am günstigsten bzw. am liberalsten Ort ausgeführt. Und dieser Ort kann und wird sicherlich nicht Deutschland sein. Warum? Wird von Wettbewerbssituationen, bezogen auf geografische Regionen gesprochen, ist der primäre kompetitive Faktor nicht mehr der ausgebildete Mensch oder eine Region mit günstigen Lohnkosten oder niedrigen Steuern. Vielmehr tritt der (kompetente/ausgebildete) Mensch noch stärker mit der Intelligenz von Algorithmen und automatisierten Prozessen in Wettbewerb. Regionen mit den schwächsten Gesetzen und Regelungen zur Nutzung von künstlicher Intelligenz und Datenschutz treten in direkten Wettbewerb mit etablierten Billiglohnländern für Wissensarbeit. Und in Wettbewerb mit Ländern mit hohen sozialen und ethischen Standards.

Man tries to create a identity copy
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Worum sollte sich die Diskussion drehen – oder worum auch nicht?

Ich glaube, es geht nicht darum ob – oder ob nicht – Roboter und Algorithmen „uns alle arbeitslos“ machen.

Es geht nur nachgelagert darum, wem die Technikvorteile oder die Automatisierungsdividende zustehen.

Es geht nur bedingt darum zu klären, wie in einer durch Geld organisierten und auf Handel bzw. Tausch basierten Wirtschaft bei zunehmender Automatisierung die Anzahl an Menschen hochgehalten wird, die konsumieren können; ähnlich wie es heute bereits der Fall ist (zwei Worte; die hier fallen müssen: „bedingungsloses Grundeinkommen“).

Es sollte vielmehr darum gehen, wie wir in naher Zukunft, in der Übergangsphase vom Hier und Jetzt in die entfremdete Zukunft miteinander leben wollen.

Businessman works and designs with futuristic technology
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Es geht darum, wie wir es schaffen, die Menschen in Lohn und Brot zu bekommen (und nach unserem derzeitigen Wirtschaftsbild „an der Nadel“ des Konsums zu halten), die nicht mehr in der Lage sein werden, durch ihre Fähigkeiten das (Lebens-)Notwendigste für sich und die Gesellschaft zu leisten.

Es geht darum, „dass“ und wie wir es schaffen, in unseren (ökonomischen) Betrachtungen den effizientesten Ort für die Leistungserbringung nicht in den Mittelpunkt zu stellen.

Es geht darum, indirekte Steuer auf „nichtmenschliche Arbeit“ im Zusammenspiel mit weiteren regulatorischen Eingriffen (Anmerkung: das bedeutet nicht zwangsläufig mehr Staat) so zu integrieren, dass die automatisierte Arbeit nicht auswandert.

 

 

Businessman touching the screen of a tablet
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Was ich noch zu sagen hätte, dauert …:

Fangen wir mit einigen Floskeln an: Wir stehen vor einer völlig neuen Epoche der künstlichen Intelligenz, die brutal über uns kommen wird, brutal positiv und brutal negativ zu gleich. Wann der Tipping Point in Deutschland bzw. Europa sein wird, ist schwer zu sagen. Aber wahrscheinlich in den kommenden 3.000 Tagen. (Kleines Spiel am Rande: Überlegen Sie mal, was es für heute alltägliche – und für viele unverzichtbare – Produkte, Services und Lösungen vor 3.000 Tagen nicht gab. Interessant, oder?)

Wir können aber sicher sein, dass

andere Länder, wie exemplarisch Japan, uns voraus sein werden,

wir nicht vorbereitet sein werden.

Man touching a screen with his finger
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Deswegen ist es wichtig, breiter zu denken und zu handeln: Die Parteien in Deutschland haben bereits mit der Arbeit an den Programmen zur Bundestagswahl angefangen. Zentrales Thema wird hier bei allen ernstzunehmenden Parteien die soziale Gerechtigkeit sein. Je nach geistiger Herkunft geht es darum, mehr (oder weniger) Staat und weniger (oder mehr) soziale Bewegung zu realisieren. So beschäftigen sich Parteien wie die SPD mit der Gleichstellung der Besteuerung von Kapitaleinkommen mit Arbeitseinkommen. Das ist absolut richtig! Allerdings kommt die Diskussion zu spät und verliert jeden Tag an Bedeutung.

Vielmehr müssten die politisch Verantwortlichen jetzt, unmittelbar und dringlich eine öffentliche Diskussion über die Besteuerung von Robotern und Algorithmen führen und erste belastbare Konzepte vorstellen. Mit dieser Diskussion einhergehen muss eine Debatte über die moralisch-ethische Nutzung von Algorithmen, deren nationale und internationale Verfügbarkeit, der Schutz der dahinterliegenden Daten und die Rolle des Menschen. Ferner müssen Themen wie das „bedingungslose Grundeinkommen“ auch aus solchen Perspektiven bewertet werden.

Aber: so what ….

 

 

 

Axel Oppermann
Axel Oppermann ist seit über 15 Jahren als IT-Marktanalyst tätig. Aktuell arbeitet er für das Beratungs- und Analystenhaus Avispador als Analyst. Axel schreibt bei Denkhandwerker über Trends und nachhaltige Entwicklungen.