„Uah, heute ist der schlimmste Tag der Woche, Leute, erst in viereinhalb Tagen heißt es wieder leben!“ Mittwoch wird dann das „Bergfest“ gefeiert und Freitag lautet das notorisch proklamierte Credo: „Endlich, das Leben beginnt wieder!“ Es scheint, als empfände ein Großteil der Hörer seine Arbeit als Strafe, zumindest suggeriert das die gängige Moderation etlicher Sender. Diese Haltung spiegelt sich auch in der viel beschworenen „Work-Life-Balance“ wider, einer Wortneuschöpfung unserer Tage. Dieser Begriff macht Arbeit zu einem Teil außerhalb des Lebens, nahezu zu verfeindeten Bereichen – habe ich von dem einen zu viel, kommt das andere zu kurz. Diese kategorische Unterscheidung von Arbeit und Leben ist für mich weder nachvollziehbar noch begrüßenswert.

Arbeit ist Teil des Lebens. In Anbetracht der Zeit, die viele von uns im Job verbringen, sogar ein erheblicher. Warum also sich das Leben mit einer Sichtweise erschweren, die Arbeit als Last betrachtet und „Leben“ aufs Wochenende und Urlaub reduziert? Wäre es nicht viel erstrebenswerter, jeden Tag mit „Leben“ zu füllen und gleichzeitig in der Arbeit Bereicherung zu finden? Zugegeben, nicht jeder Job ist erfüllend, doch auch dann hilft es wesentlich mehr, das Beste daraus zu machen, die Zeit in diesem Job als Entwicklungschance oder Bewährungsprobe zu betrachten und nicht allein den Fokus auf die arbeitsfreie Zeit zu richten. Der chinesische Philosoph Konfuzius sagt: „Suche dir eine Arbeit, die du liebst – dann brauchst du keinen Tag im Leben mehr zu arbeiten.“
Je mehr wir im Einklang mit dem sind, was wir tun, umso mehr gehen wir in der Tätigkeit auf, sind im Flow, fühlen uns nicht belastet, sondern bereichert durch das, was wir tun.

Leichter gesagt als getan? Ich behaupte nicht, dass man sich alles schön reden kann, aber genauso wenig muss man passiv alles ertragen. Die richtige Wahl eines erfüllenden Jobs liegt zuallererst in der Eigenverantwortung des Einzelnen. Wer eine unbefriedigende Tätigkeit ausübt, hat weit mehr Möglichkeiten als schlicht zu jammern und dem nächsten Wochenende entgegenzufiebern. Jeder Job erfordert ebenso einen bestimmten Teil unserer Stärken wie er gelegentlich auch unsere Schwächen herausfordert. Hilfreich ist es, in einem unbefriedigenden Job die Aufgabe zu sehen, die uns dieser für unsere persönliche Weiterentwicklung stellt. An welcher meiner Schwächen muss ich hier besonders arbeiten, damit mich der Job nicht runterzieht? Wo kann ich mein Potenzial weiter ausbauen, welche Stärken kann ich hier einsetzen? So lässt sich aus einem negativen Erleben durchaus eine positive Sichtweise generieren. Während ich den Job mit diesen Augen betrachte, kann ich die arbeitsfreie Zeit dafür nutzen, mich nach einem neuen Job umzusehen. Doch viele verharren lieber auf vertrautem, wenn auch verhasstem Boden, als neues Terrain zu betreten. Wer Eigenverantwortung übernehmen will, muss ins Tun kommen. Sind Sie bereit, über die eigenen Grenzen hinaus zu denken, Altes über Bord zu werfen, Neues auszuprobieren, alternative Lösungen zu entwickeln?

Wir bereuen am Ende unseres Lebens vor allem das, was wir nicht getan haben. An wie vielen Dingen halten wir mental fest, die uns blockieren? Menschen sind Festhalter.

Wollen wir wirklich am Ende unserer Tage nur auf die wenigen guten Wochenenden zurückblicken oder auf viele Wochentage, die uns mitunter forderten, aber in denen Arbeit und Leben eine Einheit bildeten, die uns glücklich machte?

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie von sich mit voller Überzeugung einen Satz schon heute sagen können: Die beste Zeit meines Lebens ist genau jetzt – und zwar am Montag wie am Sonntag.

Erstveröffentlicht auf https://antje-heimsoeth.com/work-life-balance-oder-life-balance/