Hey, ich bin Marvin! Eigentlich bin ich ein ziemlich durchschnittlicher Mittzwanziger. Wenn ich behaupte, dass alle Schwäne auf dieser Welt weiß sind, würdest du mir sicherlich widersprechen, richtig? Denn nach der klassischen Wissenschaftstheorie des Falsifikationismus ist diese Aussage dann zu widerlegen, wenn nur ein einziger Schwan mit schwarzem Gefieder existiert. Wir werden in unserem Leben mit einer Vielzahl solcher Aussagen konfrontiert, hinterfragen diese aber nur in den wenigsten Fällen wirklich. Deshalb schreibe ich aktuell ein Handbuch zum kritischen Hinterfragen & Querdenken, mit dem ich auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen möchte. Mir geht es vor allem darum, dass du dir deine ganz eigene Sicht der Dinge bildest, den Mut aufbringst, neue Wege zu gehen und dich dabei nicht von deinem Umfeld beeinflussen lässt.

Warum kritisch hinterfragen?

Viele schlaue Köpfe weilen auf unserem Planeten; warum sollten wir dann überhaupt unsere eigene Sicht der Dinge entwickeln? Weil wir auf einem rotierenden Planeten leben, der sich ständig im Wandel befindet! Was uns gestern noch zu einer Problemlösung geführt hat, kann heute schon wieder das reine Chaos verursachen. Tatsächlich glauben wir viel lieber, als zu zweifeln.

„Beträgt die Höhe des größten Küstenmammutbaums mehr oder weniger als 366 Meter?
Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der größte Küstenmammutbaum?“

Was würdest du antworten? Tatsächlich wurde genau diese Frage Besuchern eines naturwissenschaftlichen Museums in San Franziscos gestellt. Im Schnitt beantworteten die Besucher die beiden Fragen mit: 257 Metern.

„Beträgt die Höhe des größten Küstenmammutbaums mehr oder weniger als 55 Meter?“
Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der größte Küstenmammutbaum?“

In abgewandelter Form wurde diese Frage der nächsten Besuchergruppe gestellt. Die Höhe des größten Küstenmammutbaums wurde nun durchschnittlich auf 86 Meter geschätzt.
Wie können die Antworten in beiden Besuchergruppen so unterschiedlich sein? Einen wesentlichen Einfluss auf die Beantwortung der eigentlichen Frage hat die Bezugsgröße aus der vorangegangenen Frage. Diese Information, verpackt in der Frage, ob der größte Mammutbaum mehr oder weniger als X Meter groß ist, hat einen wesentlichen Einfluss auf die Beantwortung der zweiten Frage. Bezeichnet wird dieses Phänomen als „Ankerheuristik“. Nach dieser Heuristik haben Umgebungsinformationen einen unbewussten Einfluss auf unsere Entscheidungen. Diese Entscheidungen orientieren sich oftmals an einer willkürlich verankerten Bezugsgröße und sind daher nicht selten völlig irrational. Die beiden Kognitionspsychologen Kahneman und Tversky belegten Anfang der neunziger Jahre erstmals diesen Einfluss eines willkürlich gesetzten Ankers auf die menschliche Entscheidungsfindung. Schnell wird deutlich, wie lohnenswert kritisches Hinterfragen und das Einschlagen neuer Wege, die zuvor noch niemand gegangen ist, eigentlich sein kann. Es ist sicherlich einer der gemeinsamen Eigenschaften von Zuckerberg, Musk & Co. – das kritische Hinterfragen!
Du hast Lust dich von meiner Sicht der Dinge inspirieren zu lassen? Auf geht´s!

„Work-Life-Balance“? Nein danke!

In den letzten Monaten wurde ich mehr und mehr mit dem Wort „Work-Life-Balance“ konfrontiert. Im Frühjahr gründete ich gemeinsam mit knapp dreißig weiteren Millennials eine sogenannte Business Resource Group (BRG) in unserem Unternehmen. In unserem Kick-Off-Meeting setzten wir uns unterschiedlichste Ziele, die wir in Zukunft gemeinsam verfolgen wollen. Der Begriff „Work-Life-Balance“ fiel dabei so oft, dass sich dieser wie ein Anker in meinem Kopf verhakte.

Die Assoziationen, die wir mit diesem Begriff verbinden, sind mit dem Wort „Work-Life-Balance“ jedoch keines¬wegs vereinbar. Dabei ist die Message, die der Begriff übermitteln soll, durchaus als positiv zu bewerten. Zugegebenermaßen klingt „Work-Life-Balance“ auch ziemlich sexy. Doch es gibt einen Grund, warum dieser Begriff zwischen zwei Anführungszeichen steht. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was der Begriff „Work-Life-Balance“ eigentlich aussagt?

Wir wollen Arbeit und (das) Leben in ein Gleichgewicht bringen. Bildlich gesprochen: Während ich in diesem Moment an meinem Laptop sitze, schweben über meinem Kopf Teufelchen und Engelchen. Das Teufelchen sticht mir mit seinem Dreizack in den Allerwertesten und macht deut-lich, dass ich arbeiten soll. Das Engelchen hingegen umgarnt mich mit all seiner Liebe und fordert mich auf zu Leben. Zufrieden stellen kann ich momentan keinen der beiden Racker, sodass sie wie zwei kleine Kinder im Sandkasten übereinander herfallen. Eine solch trennscharfe Unterteilung zwischen „Work“ und „Life“, wie sie durch den „-“ vorgenommen wird, würde bedeuteten, dass wir entweder das Eine oder das Andere tun. Stellen wir uns das ganze einmal in einem Venn-Diagramm vor…

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Die beiden Kreise stellen genau das dar: Arbeit und Leben. Dabei symbolisiert der linke Kreis die Arbeit, der rechte Kreis hingegen (das) Leben. In diesem Szenario gibt es eine winzig kleine Schnittstelle, in der wir sogar leben, während wir arbeiten. Wahnsinn! Doch ist diese Menge so klein, dass es Unfug wäre, sie zu wählen. Warum lassen wir also nicht zu, dass Arbeit ein Teil unseres Lebens ist (und jetzt möge mir mein ehemaliger Mathe-Professor kräftig auf die Schulter klopfen: Arbeit ∈ Leben; in Worten: „Arbeit ist Element aus Leben“)?
Ich stelle mir also ein Venn-Diagramm vor, in der es nur eine einzige Menge gibt. Und zwar: Leben. Für mich verwandelt sich der Begriff „Work-Life-Balance“ also in eine Life-Balance (als aufmerksamer Leser fällt dir sicherlich auf, dass für meine Definition keine Anführungszeichen mehr nötig sind).

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Vor einigen Wochen teilte ich meine Gedanken zu diesem Thema bereits in einem großen Job-netzwerk. Ein guter Freund schrieb mich darauf via WhatsApp an und teilte mir mit, dass ihm, bezogen auf „Work-Life-Balance“, meine Sicht der Dinge gefällt. Bevor ich mich darüber freuen konnte, dass ich jemanden zum kritischen Hinterfragen angeregt habe, schrieb er mir jedoch im Nachgang wortwörtlich: Der Weg dahin ist das Schwierige.“
Ist das so? Ist es nicht reine Einstellungssache? Ich denke schon. Wenn für dich Arbeit und Leben nicht unter einen Hut passen, solltest du etwas ändern. Und wie?
Die Antwort auf diese Frage schmückt eine Vielzahl von Modeartikeln einer der bekanntesten Sportmarken. Die Rede ist von Nikes „Just do it“. Während ein gestandener Coach an dieser Stelle stundenlang Vorträge darüber halten könnte, warum du genau jetzt dein Leben umkrempeln solltest, möchte ich dir viel lieber erzählen, was eigentlich hinter diesem Slogan steckt. Denn der Vorfall, der den amerikanischen Werber Dan Wieden zu einem der erfolgreichsten Slogans motivierte, ist an Tragödie kaum zu übertreffen. Es sind nämlich die Worte eines zweifachen Mörders kurz vor seiner Exekution: „Es kommt nicht darauf an, ob man gewinnt oder verliert. Mach es einfach“. Inspiriert durch die perfiden Worte eines grausamen Mörders, verzeichnete Nike ein Umsatzwachstum von rund acht Milliarden US-Dollar innerhalb von nur zehn Jahren nach Einführung des Slogans. „Just do it“ –

Mach es einfach – sei ein „kritischer Hinterfrager“!

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Marvin Nowozin
Marvin Nowozin ist seit November 2016 Gastautor bei Denkhandwerker.Der Mittzwanziger studierte Wirtschaftswissenschaften (B.Sc.) mit den Schwerpunkten Entrepreneurship und Innovation Management. Seit 2016 ist Marvin Nowozin als Operations Trainee in der Logistikbranche tätig und studiert berufsbegleitend Logistikmanagement (M.A.) in Köln. Im Januar 2017 veröffentlichte der junge Autor ein Buch über Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion mit dem Titel "Sind alle Schwäne weiß?": Inspirationen zum kritischen Hinterfragen & Querdenken. In diesem Buch beschreibt Marvin nicht nur, warum Menschen gerade das tun, was sie tun und denken, was sie denken, sondern vor allem auch, wie jeder von uns ein Experte auf dem Gebiet des kritischen Hinterfragens werden kann.